10 Jahre SCHURA Hamburg. Eine Bilanz unserer Arbeit

Nur wenige Monate nach der Gründung wurde schon nachgefragt, ob es denn SCHURA noch gäbe. Schon angesichts der tatsächlich weit verbreiteten Skepsis, ob ein gemeinsamer Landesverband der Muslime tatsächlich funktionieren könne, müssen nunmehr 10 Jahre SCHURA Hamburg als Erfolgsgeschichte gesehen werden. Aber nicht nur das: Es konnte so manches erreicht werden und Hamburg wurde sogar Vorbild für gleichartige Gründungen in anderen Bundesländern. Es gibt aber Probleme, die bis heute nicht gelöst werden konnten. Es ist deshalb Zeit, einmal Bilanz zu ziehen.

Die Entwicklung des Islams in Hamburg

Die Anfänge islamischen Lebens in Hamburg gehen zurück auf die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals kamen viele Studenten aus unterschiedlichen Ländern an die Universität Hamburg. Auch Geschäftsleute aus dem Orient zog es wieder in das Nachkriegsdeutschland. Hier sind in erster Linie die Iraner zu nennen. Damals richtete eine Gruppe vorwiegend bestehend aus Studenten in einem Universitätskeller einen Gebetsraum ein. Später kam der Gebetsraum in ein Gebäude in der Bornstraße, wo er für viele Jahre verblieb und wo auch Freitagsgebete abgehalten wurden. Der kürzlich verstorbene Abdulkarim Grimm fungierte als Imam. Etwa zur gleichen Zeit hatten Iraner einen Moscheebauverein gegründet. An der Alster wurde ein Grundstück erworben und im Februar 1960 erfolgte die Grundsteinlegung für die Imam-Ali-Moschee (damals unter freundlichster Berichterstattung der Hamburger Presse). Mohammad Mohagheghi, Vater des heutigen SCHURA-Vorstandsmitglieds Djavad Mohagheghi, war hier erster Imam. Ende der sechziger Jahre unter dessen Nachfolger Beheschti verlagerte die Studentengemeinde ihre Aktivitäten in die Imam-Ali-Moschee, deren Trägerverein seit dem den Namen Islamisches Zentrum Hamburg führt.

In den sechziger Jahren kamen muslimische Gastarbeiter aus der Türkei nach Hamburg und damit begann eine Migration, die von da ab das islamische Leben in Hamburg entscheidend prägen sollte. Anfangs spielte sich das religiöse Leben der Gastarbeiter, die nur von einer kurzfristigen Anwesenheit in Hamburg ausgehen, fast ausschließlich in den Wohnheimen und Fabriken ab. Einen Einschnitt brachte das Jahr 1973 mit dem von der Bundesregierung verfügten Anwerbestopp für Gastarbeiter. Da ein kurzfristiges Hin- und Herwechseln aus den Herkunftsländern nun nicht mehr möglich war, führte es bei den in Deutschland verbliebenen „Gastarbeitern“ zu einer Verfestigung ihres Aufenthaltes. Folge davon war, dass vielfach die Familien nachgeholt wurden. So entstand das Bedürfnis nach Etablierung eines islamischen Gemeindelebens. 1969 wurde – Vorläufer der heutigen Centrum-Moschee – ein Gebetsraum am Hansaplatz eingerichtet, der dann in die Böckmannstraße verlegt wurde. 1977 wurde das heutige Moscheegebäude gekauft. In Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil wie Altona und Wilhelmsburg kamen weitere türkische Moscheen hinzu.

Die achtziger Jahre waren für die Muslime aus der Türkei eine turbulente Zeit. Mit Milli Görüs und VIKZ waren die ersten Verbände entstanden; 1984 kam DITIB hinzu und damit der anhaltende Versuch des türkischen Staates, die islamischen Verhältnisse in Deutschland beeinflussen zu wollen. Im Herbst desselben Jahres spaltete sich von Milli Görüs die Kaplan-Bewegung ab. Zwischen den Verbänden wurde teilweise um einzelne Moscheegemeinden erbittert gekämpft. Die für Hamburg entscheidende Centrum-Moschee blieb aber immer fest in der Hand von Milli Görüs. DITIB gründete deshalb eigene Moscheen und die ausgetretenen Kaplan-Anhänger die Vahdet-Moschee, welche aber nur für kurze Zeit bei Kaplan blieb und sich seitdem als eigenständige kurdische Moschee etablierte.

Die achtziger und neunziger Jahre brachten neue Gruppen von muslimischen Migranten und damit die Diversifizierung der Moscheestruktur. Die Gruppe der arabischen Muslime wuchs und gründete Anfang der achtziger Jahre mit der Muhajirin-Moschee eine eigene Gemeinde. In den achtziger Jahren gründeten Muslime aus dem damaligen Jugoslawien eine Moschee, die anfangs als jugoslawische Moschee bezeichnet wurde und woraus nach Krieg und Zerfall Jugoslawiens Anfang der neunziger die albanische und die bosnische Gemeinde hervorgingen. Imam zuerst der jugoslawischen Moschee und jetzt des Islamisch-Albanischen Kulturzentrums ist Zulhajrat Fejzulahi. Zu erwähnen ist auch die große Gruppe von afghanischen Flüchtlingen, die seit den achtziger Jahren nach Hamburg gekommen ist und hier die größte afghanische Gemeinde Deutschlands bildet. In den neunziger Jahren wurden eine schiitische (Belal) und eine sunnitische (Ibrahim Khalil) gegründet.

Zuzüglich der Moscheen der Pakistanis und Afrikaner sowie der durch interne Konflikte bedingten Aufspaltungen der arabischen Muslime in weitere Moscheegemeinden (Al-Quds, Al-Nur, später Al-Houda) gab es damit Mitte der neunziger Jahre eine sehr vielfältige Moscheestruktur in Hamburg. Nur hatten die meisten dieser Moscheen weder Beziehungen unter einander noch zur deutschen Gesellschaft. Viele Gemeindemitglieder sahen ihre Moschee auch mehr als Außenposten ihrer Herkunftsgesellschaft in Deutschland. Aber in dieser Zeit vollzogen sich entscheidende Entwicklungen, die später die Basis für die SCHURA-Gründung bildeten: Mit dem ISBH existierte eine deutschsprachige Studentengruppe, die zahlreiche Aktivitäten entfaltete und erstmals – da ethnisch-sprachlich übergreifend – den Gedanken einer islamischen Einheit in Hamburg entwickelte (im ISBH war damals u.a. auch schon der spätere SCHURA-Vorsitzende Mustafa Yoldas aktiv). Ende 1995 beteiligten sich Muslime am Gesprächskreis Interreligiöser Religionsunterricht in Hamburg (GIR) und darüber an der konzeptionellen Entwicklung des Hamburger Modells des „Religionsunterrichts für alle“. Ein solcher Einfluss von Muslimen auf die Gestaltung von Religionsunterricht war damals und für lange Zeit einmalig in Deutschland. In gewisser Weise war dies auch eine Basis für die gute Positionierung der Hamburger Muslime sowohl gegenüber Senat und Behörden als auch im interreligiösen Dialog gegenüber den anderen Religionsgemeinschaften.

Trägerkreis der muslimischen Beteiligung am GIR war die seit 1993 auf Initiative des islamischen Frauenvereins Baitunnisa bestehende Konferenz der Muslime in Hamburg (KMH). Diese war aber immer offener Kreis von Einzelpersonen (zu nennen wären Imam Mehdi Razvi, Fatima Grimm, Halima Krausen, Ali-Özgür Özdil, Pia Köppel u.a.) aber keine Vertretung der Moscheegemeinden. Die KMH konnte deshalb wertvolle und zukunftsweisende Arbeit leisten zum Religionsunterricht und im interreligiösen Dialog, andererseits aber keine Vertretung der Muslime Hamburgs sein. Versuche, die Gemeinden einzubinden, waren wenig erfolgreich u.a. auch deshalb, weil die dort vertretenen Einzelpersonen nicht über Einfluss etwa in den Gemeindenvorständen verfügten.

Der Gründungsprozess von SCHURA Hamburg

Dies war die Ausgangssituation, als sich Mitte 1998 im Vorstand der Centrum-Moschee bzw. des Bündnis Islamischer Gemeinden in Norddeutschland (BIG) einige Personen (Ramazan Ucar, Ahmet Yazici, Mustafa Yoldas) Gedanken über die Bildung eines Koordinationsrates der islamischen Gemeinden in Hamburg machten. Aktuell war damals auch die vom Hamburger Senat angebotene Einrichtung muslimischer Gräberfelder mit sargloser Bestattungsmöglichkeit, wofür die Umweltbehörde aber nach einem muslimischen Ansprechpartner auf Landesebene verlangte. Ferner gab es zu dieser Zeit Konflikte im Stadtteil St. Georg: Hier war die Zahl der Moscheen auf nahezu ein Dutzend angewachsen. Es wurde von einer drohenden „Islamisierung“ des Steindamms gesprochen. Die Centrum-Moschee hatte gerade angebaut mit Kuppel und zwei Minaretten und kurz darauf das benachbarte Mercedes-Grundstück erworben (heute Lindenbazar). Das Islamisch-Albanische Kulturzentrum hatte das Gebäude Kleiner Pulverteich gekauft und dort die Moschee eingerichtet, wobei sich in der ehemaligen Tiefgarage schon vorher die Al-Nur-Moschee befand.  Dies führte zu z.T. heftigen Diskussionen im Stadtteil. Auch gab es den ersten Moscheebaukonflikt Hamburgs: In Neuenfelde hatte die dortige BIG-Gemeinde ein ehemaliges Werkstattgebäude erworben, um es in eine Moschee umzubauen (heutige Kücük-Istanbul-Moschee). Dagegen formierte sich Anwohnerwiderstand und die Genehmigung musste über zwei Instanzen vor dem Verwaltungsgericht durchprozessiert werden.

Insgesamt war die gesellschaftliche Debatte in dieser Zeit davon geprägt, dass Deutschland jetzt auf breiter Ebene begann, die Realität eines Einwanderungslandes wahrzunehmen und Fragen nach der Integration der Migranten. Dabei realisierten viele erstmals die dauerhafte Erscheinung einer islamischen Minderheit, was zu vielerlei Irritationen führte. Umgekehrt begann man sich unter Muslimen auch erstmals überhaupt als Teil der deutschen Gesellschaft zu sehen. Weitgehend herrschte zwischen Muslimen und deutscher Gesellschaft Sprachlosigkeit. Weil die Muslime sich nicht artikulierten, besetzten zunehmend so genannte „Islamexperten“ das Feld – oftmals Personen mit zweifelhaften Qualifikationen und Absichten.

Im BIG-Vorstand hatte man begriffen, dass die Muslime, wollen sie nicht ins Abseits geraten, sich zur deutschen Gesellschaft hin öffnen müssen und mit der Gesellschaft auf allen Ebenen in einen Diskurs treten. Dazu aber müssen die Muslime auch die geeigneten Strukturen schaffen, die von der deutschen Gesellschaft als Ansprechpartner akzeptiert werden. Dies wiederum konnte von keiner Gemeinde allein, sondern sollte von möglichst allen Vereinen gemeinsam geleistet werden. Intern gab es natürlich anfangs viel Skepsis, ob die Muslime überhaupt hierzu ihre vielfältigen ethnischen, sprachlichen und kulturellen Differenzen überwinden könnten, aber es gab auch damals schon ein positives Beispiel: 1997 hatten in Hessen Muslime unterschiedlicher Herkunft die Islamische Religionsgemeinschaft Hessen e.V. (IRH) gegründet mit dem primären Ziel, einen islamischen Religionsunterricht nach Art. 7 GG an den Schulen des Landes einzuführen. Wenn also in Hessen Muslime für ein gemeinsames Ziel ihre überkommenen Differenzen hinter sich lassen konnten, warum sollte das nicht in Hamburg möglich sein?

So lud BIG alle islamischen Vereine in Hamburg für den 6.12.1998 zu einer Konferenz in den Kuppelraum der Centrum-Moschee ein. Was die Resonanz der teilnehmenden Vereine betraf, so entsprach dies wohl nicht ganz den Erwartungen: Neben BIG-Gemeinden waren das Islamisch-Albanische Kulturzentrum, die Deutsche Muslim-Liga, der Orient-Okzident-Verein, der ISBH und ein zur Nurcu-Bewegung gehörenden Studentenverein sowie Einzelpersonen aus der vorerwähnten KMH gekommen. Jedoch hatten weitere Gemeinden grundsätzlich ihr Interesse signalisiert. Deshalb bildete man eine Arbeitsgruppe und bereitete eine weitere Versammlung vor, auf die nun die Verantwortlichen mehrerer Gemeinden direkt persönlich angesprochen wurden. Diese Versammlung fand im Ramadan am 3.1.1999 in der Albanischen Moschee statt und brachte den Durchbruch: Zusätzlich beim ersten Treffen Erschienenen kamen Vertreter des Islamischen Zentrums, der Vahdet-Moschee, der Irakischen Moschee (später Al-Huda), der Ansar-ul-Deen-Moschee, der Belal-Moschee und der Ahmet-Yesivi-Moschee. Alle waren sich schnell einig, einen Koordinationsrat der islamischen Vereine in Hamburg zu gründen und erteilten einer Arbeitsgruppe den Auftrag zur Erarbeitung einer Satzung.

Von nun an traf man sich monatlich in unterschiedlichen Moscheen und diskutierte Abschnitt für Abschnitt den Satzungsentwurf. Danach sollte der zu gründende Verband allen islamischen Vereinen in Hamburg unabhängig von ethnischer und ob Sunniten oder Schiiten offen stehen sollte, welche die in der Satzung festgeschriebenen islamischen Glaubensgrundlagen und –pflichten akzeptieren. Dabei sollten alle Vereine gleichberechtigt zusammen wirken, indem alle wichtigen Entscheidungen auf Mitgliederversammlungen diskutiert und beschlossen werden, wohin jeder Mitgliedsverein einen Delegierten entsendet.

Im Laufe der nächsten Versammlungen kamen weitere Moscheen hinzu wie die Quds-Moschee, die Nur-Moschee und die Nasrul-Faida-Moschee; ferner auch der VIKZ und die DITIB in Person des Religionsattachés. Auf einer Versammlung im März 1999 in der Quds-Moschee wurde der Name des Verbandes beschlossen: SCHURA – der qur´anische Begriff als Symbol für die eigene Arbeitsweise wie auch gesellschaftliches Ziel (der Vorschlag stammte vom damaligen Imam des Islamischen Zentrums, Hojjatoleslam Seyed Reza Hosseininassab). Insgesamt verliefen alle diese Versammlungen in einer sehr konstruktiven Atmosphäre. Auch bei kontroversen Punkten bemühte man sich um eine vernünftige Lösung und hatte stets das gemeinsame Ziel im Auge. Es gab allerdings auch einige Konflikte, die aus heutiger Sicht eher skurril anmuten: So forderte die Ahmet-Yesevi-Moschee – sie gehörte zur Türkischen Familien-Union, einem der türkisch-nationalistischen Partei MHP nahe stehenden Verband – den Ausschluss der Vahdet-Moschee, weil man meinte, während der Versammlung dort im Moschee-Restaurant Personen beim Lesen PKK-naher Zeitungen beobachtet zu haben. Dieses Ansinnen wurde einhellig zurück gewiesen und seit dem gilt das Prinzip, dass in den Herkunftsländern verortete Konflikte außen vor zu bleiben haben.

Gründung und erste Aktivitäten

Die Gründungsversammlung für SCHURA – Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg e.V. fand schließlich am 4.7.1999 in der Ahmet-Yesevi-Moschee in der Max-Brauer-Allee 163 statt. Die Satzung wurde einstimmig verabschiedet und anschließend von 42 Gründungsmitgliedern unterschrieben. Hierzu gehörten sämtliche VIKZ-Moscheen, jedoch nur zwei DITIB-Moscheen (Ali-Pasa-Moschee und Muradiye-Moschee). Der Religionsattaché hatte zwar vorher an Sitzungen teilgenommen, dann aber von seinen Vorgesetzten kein „grünes Licht“ erhalten. Der Eintritt der beiden vorgenannten DITIB-Moscheen wurde aber auch nicht unterbunden.

Anschließend wurde der erste Vorstand gewählt, wobei sorgfältig auf eine ausgewogene Besetzung der Posten geachtet wurde. Mustafa Yoldas (Centrum-Moschee), Murat Pirildar (VIKZ) und Seyed Reza Hosseininassab (Islamisches Zentrum) wurden jeweils zum vertretungsberechtigten Vorsitzenden gewählt. So bestimmten im Rotationsverfahren unter sich jeweils einen leitenden Vorsitzenden. Adil Celik (Vahdet-Moschee) wurde Kassenwart, Mondher Ben Halima (Deutsche Muslim-Liga) Schriftführer sowie Zulhejrat Fejzulahi (Albanische Moschee), Ali Samad Hekmat (Belal-Moschee), Mustafa Ates (Cemaat-en-Nur), Mustafa Ulusoy (Ahmet-Yesevi-Moschee), Norbert Müller (Initiative für Islamische Studien) und Ali-Özgür Özdil (ISBH) Beisitzer. Dabei wurden einzelnen Beisitzern Arbeitsausschüsse zugewiesen: Zulhejrat Fejzulahi die innerislamischen Angelegenheiten, Mustafa Ates der interreligiöse Dialog, Ali Samad Hekmat die Öffentlichkeitsarbeit, Norbert Müller juristische Angelegenheiten und Ali-Özgür Özdil Bildung und Erziehung.

Nach der anschließenden Sommerpause startete dann die Arbeit. Dabei galt es zunächst einige praktische Schwierigkeiten zu überwinden: Auf der zweiten Vorstandssitzung fehlte plötzlich der halbe Vorstand. Telefonische Nachfragen, dass der Termin einfach vergessen worden war - kein Wunder: Viele waren es nicht gewohnt, einen Terminkalender zu führen. In manchen Moscheegemeinden kannte man gar keine regelmäßigen Vorstandssitzungen, in anderen wurden diese bestimmt nach dem Muster „jeden ersten Sonntag nach dem Mittagsgebet“. Mustafa Yoldas griff hier aber hart durch: Bei unentschuldigtem Fehlen oder Zuspätkommen musste fortan Strafgeld gezahlt werden.

Im Steindamm 62 wurde als Untermieter des Hüda-Bildungszentrums ein kleines Büro angemietet. Die Verwaltungsarbeit, damals von Schriftführer Mondher Ben Halima ehrenamtlich geführt, wurde mit der Zeit immer umfangreicher: Einladungen und Protokolle mussten an die Mitglieder verschickt werden, Briefe und Anrufe beantwortet, Termine koordiniert. Gerade hier lief am Anfang vieles nicht „rund“.

Auf den ersten Mitgliederversammlungen, anfangs weiterhin monatlich abgehalten, wurden noch einige „Nachzügler“ aufgenommen: Muhajirin-Moschee, Bosnische Moschee, Islamic Center, Ibrahim-Khalil-Moschee und Hira-(jetzt Saidi-Nursi)Moschee. Letztere waren neu gegründete Moschee-Gemeinden. Es gab aber auch erste Austritte: Ende 1999 beschloss für die VIKZ deren neue Führung in der Türkei, diesen Verband im Prinzip aus allen öffentlichen Institutionen zurück zu ziehen. Folge war u.a. der Austritt aus dem Zentralrat der Muslime und aus SCHURA Hamburg. Einige Monate später trat die Ahmet-Yesevi-Moschee aus. Grund war hier eine Kontroverse um den Religionsunterricht: Diese Moschee forderte solchen in türkischer Sprache, womit sie allerdings allein stand. Es sei noch angemerkt, dass diese Moschee inzwischen nicht mehr existiert.

Davon abgesehen betrieb der Vorstand vor allem tatkräftig Öffentlichkeitsarbeit: Es gab Gespräche mit den Bürgerschaftsfraktionen von GAL und SPD, dem DGB und der Ausländerbeauftragten. Besonders mit der damaligen Ausländerbeauftragten, Frau Prof. Neumann, begann eine sehr produktive Zusammenarbeit. Zusammen mit den Kirchen wurde die Begegnungsaktion „Advent-Ramadan“ gestartet. Am 19.12.1999 fand im Islamischen Zentrum ein Iftar der SCHURA statt, an dem zahlreiche Hamburger Persönlichkeiten aus Politik, Kirchen und Verbänden teilnahmen. SCHURA stieß ausnahmslos überall auf positive Resonanz. Es wurde immer wieder positiv gewürdigt, dass sich hier ein in Deutschland verorteter repräsentativer Ansprechpartner für den Islam in Hamburg formte, der insbesondere auch transparente und demokratische Organisationsstrukturen aufwies.

Zu Aktivitäten des ersten SCHURA-Jahres gehören noch eine Demonstration gegen die Unterdrückung der Muslime in Tschetschenien im Dezember 1999 und die Gründung des Interreligiösen Forums zusammen mit den Kirchen, der Jüdischen Gemeinde sowie den Aleviten und Buddhisten. Vor den Sommerferien gab es ein gemeinsames Grillfest an der Elbe in Wedel (das sommerliche Grillfest ist seit dem auch eine feste Institution geworden).

Sodann waren erste Umbesetzungen im Vorstand erforderlich: Für den wegen des VIKZ-Austritts ausgeschiedenen Murat Pirildar wurde im September 2000 Abdel Dahuk (Muhajirin-Moschee) Vorsitzender; auch der Verein von Mustafa Ulusoy war ja ausgetreten und seiner Stelle wurde Abdul Razak Yunusah (Ansar-ul-Deen-Moschee) gewählt. Für die aus persönlichen Gründen ausgeschiedenen Mustafa Ates und Ali Samad Hekmat kamen Ali Emari (Islamische Gemeinschaft in Hamburg)  und Behzad Khamehi (Orient-Okzident-Verein) in den Vorstand und übernahmen die Gebiete interreligiöser Dialog und Öffentlichkeitsarbeit. Mit den beiden Letzteren sollte es im Laufe des folgenden Jahres zahlreiche Kontroversen im Vorstand und mit einzelnen Mitgliedsvereinen geben, so dass diese im Juli 2001 auf der Mitgliederversammlung in der Eyup-Sultan-Moschee in der bislang einzigen Kampfabstimmung abgewählt und durch Abu Ahmed Jakobi und Zia Taher (Ibrahim-Khalil-Moschee) ersetzt wurden.

Neu geschaffen wurde im Vorstand der Posten eines Jugendbeauftragten, für den Erdogan Tatlisu (Eyup-Sultan-Moschee) gewählt wurde. Dieser bemühte sich in den Jahren 2000 - 2002 darum, innerhalb von SCHURA eine Jugendstruktur ähnlich derjenigen bei BIG aufzubauen (Jugendgruppen mit Jugendvertretern möglichst in allen Moscheen mit Jugendvertretern, die zusammen eine Jugendvertreterversammlung bilden). Dies streckenweise mit Vortragsveranstaltungen, Iftar und Grillen für Jugendliche nicht unerfolgreich, endete aber abrupt, als Erdogan Tatlisu in seiner Moscheegemeinde andere Aufgaben übernehmen musste.

Dies ist auch ein Beispiel für immer wieder auftretendes „Gezerre“ um fähige Personen zwischen dem SCHURA-Vorstand und einzelnen Gemeinden (insbesondere von BIG). Überhaupt sind Personalprobleme eine Konstante in 10 Jahren SCHURA-Tätigkeit. Von den Ausschüssen hat sich allein der Ausschuss für interreligiösen Dialog als über den gesamten Zeitraum kontinuierlich arbeitendes Gremium erwiesen. Hier konnte zum einen an die schon vor SCHURA-Gründung bestehende interreligiöse Arbeit angeknüpft werden; zum anderen gelang es Abu Ahmed Jakobi immer wieder erfolgreich, junge Geschwister aus seiner eigenen Unterrichtsgruppe für diese Arbeit zu gewinnen.

Weitaus schwieriger gestaltete sich der von Imam Zulhejrat Fejzulahi geleitete innerislamische Arbeitsbereich: Die meisten Imame (wichtige Ausnahmen waren hier über die Jahre aber mit ihrem Engagement Samir Rajab von der Nur-Moschee, Hanefi Ener von der Saidi-Nursi-Moschee und Abdulkadir Aydin von der Vahdet-Moschee) konnten für eine kontinuierliche Arbeit nicht gewonnen werden. Dabei spielt sich eine Rolle, dass viele Imame für eine gesellschaftliche Tätigkeit schon mangels Sprachkenntnisse wenig qualifiziert sind sich durch die Tätigkeit in ihrer Moschee von den Gebeten über Unterricht bis zu Familienberatung – auch angesichts ihrer meist sehr geringen Gehälter – mehr als ausgelastet fühlen. Unter dem Imam-Problem leidet die islamische Arbeit erheblich und es ist keine Lösung in Sicht (an deutschen Universitäten ausgebildete Imame würden wohl kaum bereit sein, sich für ein Gehalt unter ALG II an einer Moschee anstellen zu lassen!).

An dieser Situation scheiterte auch ein Anfang 2000 mit großem Elan begonnenes Projekt: Die Gefängnisseelsorge. In zwei Haftanstalten war damit begonnen worden, Freitagsgebete abzuhalten. Im Laufe der Zeit wurde die kontinuierliche Realisierung immer schwieriger. Gab es anfangs viele Interessenten für eine islamische Gefängnisarbeit, stellten angesichts des damit verbundenen Zeitaufwandes und insbesondere der erforderlichen Kontinuität die meisten ihre Arbeit schnell wieder ein, so dass am Ende zu wenig Personen übrig blieben, um die Arbeit überhaupt noch aufrecht zu erhalten.

Ein wichtiges Projekt des innerislamischen Ausschusses aber blieb: Im Oktober 2001 wurde der erste Qur´an-Wettbewerb für Kinder- und Jugendliche in der Albanischen Moschee durchgeführt. Seit dem findet dieser Wettbewerb mit immer wieder großer Beteiligung jedes Jahr in einer anderen Moschee (bisher Ibrahim-Khalil-, Belal-, Bosnische, Muhajirin- und Vahdet-Moschee sowie Islamisches Zentrum) statt.

Ansonsten gab es eine Reihe erfolgreicher Aktivitäten: Am 13.10.2000 organisierte SCHURA eine große Palästina-Demonstration (Anlass war der Beginn der sog. „Zweiten Intifada“). Am 20.4.2001 fand in der Universität eine Podiumsdiskussion zur damaligen „Leitkultur“-Debatte mit Vertretern der Grünen, des DGB, der Katholischen Kirche und der Alevitischen Gemeinde statt, die sehr gut besucht war. Bedeutsam waren auch die Aktivitäten zur Einrichtung eines Lehrstuhls für islamische Theologie in einer Akademie der Weltreligionen mit einem viel beachteten Wokshop der Körber-Stiftung hierzu.

Zu den Bürgerschaftswahlen im September 2001 hatte SCHURA erstmals islamische Wahlprüfsteine erstellt und Vertreter der kandidierenden demokratischen Parteien zu einer Diskussionsveranstaltung ins Islamische Zentrum eingeladen. Solche Veranstaltungen hat SCHURA seit dem zu allen folgenden Bürgerschafts- und Bundestagswahlen durchgeführt, um damit ein Signal in zwei Richtungen zu setzen: Einmal sollen die Muslime motiviert werden, sich mehr für die deutsche Politik zu interessieren und hier auch aktiv zu werden; zum anderen soll den Parteien signalisiert werden, dass es in wachsendes muslimisches Wählerpotential gibt, das zu berücksichtigen ist. Gerade hier konnte SCHURA, wie die folgende Entwicklung dann zeigte, gute Erfolge verbuchen.

Zwei Einschnitte im Herbst 2001: Der 11. September und die Bürgerschaftswahlen

Die Anschläge des 11. September wurden für die Muslime zur bislang größten Herausforderung. Dies galt gerade für Hamburg, nachdem bekannt wurde, dass die Attentäter hier gelebt hatten. Auf eine solche Situation war niemand vorbereitet. Die Muslime gerieten wie nie zuvor in den Focus des öffentlichen Interesses. Dabei entwickelte sich immer mehr eine bedrohlichere Stimmung in der Öffentlichkeit, wo, sich gegenseitig unter Handlungsdruck setzend, Politiker, Medienvertreter und sog. „Terrorexperten“ sich mit immer absurderen Vorschlägen – vom Verbot aller islamischen Organisationen bis zu Internierungslagern für Muslime – unter Außerachtlassung aller Rechtsstaatlichkeit überboten. Muslime wurden quasi zum „öffentlichen Feind“ und mit eilig beschlossenen Anti-Terror-Gesetzen und Rasterfahndung unter Generalverdacht gestellt.

SCHURA war nach dem 11.9. sofort an die Öffentlichkeit gegangen und hatte sich in Presseerklärungen und zahlreichen öffentlichen Auftritten des Vorsitzenden Mustafa Yoldas nachdrücklich von Terror und Gewalt distanziert. Dabei kam den Muslimen Hamburgs die Arbeit der letzten Jahre sehr zu Gute: Zu zahlreichen Personen und Institutionen waren gute Kontakte aufgebaut worden, SCHURA und seine Repräsentanten waren vielen bekannt, auch die großen Moscheen wie die Centrum-Moschee oder das Islamische Zentrum. Es gab Vertrauen insbesondere in Glaubwürdigkeit der vertretenen Positionen. So erfuhren Hamburgs Muslime in dieser Zeit auch viel Solidarität und so mancher stellte sich öffentlich vor Personen und Moscheen. Gerade in dieser zugespitzten Situation zeigte sich, wie wichtig es war, dass der Islam in Hamburg mit SCHURA eine Stimme hatte, die in der Öffentlichkeit akzeptiert wurde.

Gleichwohl lastete auf vielen Moscheen ein großer Druck der Medien. Jeder Journalist wollte wissen, wo „die Terroristen gebetet haben“. Dies war für die Moscheen, von denen manche bislang nie einen Kontakt zur deutschen Öffentlichkeit gehabt hatten, eine kaum zu bewältigende Überforderung. SCHURA bemühte sich, die Mitgliedsmoscheen dabei so gut wie möglich zu unterstützen. So wurde am 3.10.2001 zum „Tag der offenen Moschee“ für die Presse und andere Interessierte ein Moscheerundgang durch St. Georg inszeniert und so zog ein großer Besuchertross mit vielen Kameras und Fotoapparaten von der Muhajirin-Moschee über die Albanische und Nur-Moschee zur Ansar-ul-Deen-Moschee (damals noch in einem Keller der Adenauerallee), um die „versteckten Moscheen“ (so titelte die Presse am nächsten Tag) kennen zu lernen.

Die Zeit nach dem 11.9. war eine große Herausforderung, an der rückblickend betrachtet aber auch viele Moscheen wuchsen und reiften: Zwangsweise mussten sie sich jetzt gegenüber der Gesellschaft öffnen, mussten kommunikationsfähig werden. Die beschauliche Zeit einer abgeschotteten Existenz in Kellern und Hinterhöfen war unwiederbringlich vorbei. Ein Beispiel für eine positive Entwicklung ist die Al-Nur-Moschee: Jahrelang war diese nach Anzahl der Gebetsbesucher größte Moschee Hamburgs in der ehemaligen Tiefgarage am Kleinen Pulverteich für die deutsche Umgebung unbekannt, stand sie jetzt als arabische Moschee unter erheblichem Druck sowohl von Sicherheitsbehörden als auch Journalisten. Die Moschee reagierte – hier spielte die Weitsicht von Imam Samir eine große Rolle - und es kamen mehr jüngere deutschsprachige Muslime wie der spätere SCHURA-Vorsitzende Daniel Abdin in den Vorstand, die in den nächsten Jahren ein verändertes Auftreten der Moschee prägten. Im Gegensatz dazu schottete sich die Quds-Moschee – wegen der Terrorpiloten mehr im Medienfocus als alle anderen – vollständig ab, was dazu führte, dass wiederholt hässliche Bilder von sich mit Journalisten prügelnden Moscheebesuchern am Sonntagabend über „Spiegel TV“ flimmerten. SCHURA bemühte sich wiederholt intensiv, mit den Verantwortlichen in der Moschee eine produktive Arbeit in Gang zu bringen. Letztlich scheiterten alle Versuche jedoch an den fehlenden internen Strukturen der Quds-Moschee wie auch der Unfähigkeit der dort Verantwortlichen zu einer Neuausrichtung ihrer Gemeinde. Die Entwicklung der folgenden Jahre innerhalb von SCHURA und den meisten Mitgliedsmoscheen ging deshalb an dieser Moschee vorbei. Die Mitgliedschaft bestand dann noch einige Jahre quasi „auf dem Papier“ und wurde Ende 2006 im gegenseitigen Einvernehmen beendet.

Im Herbst 2001 gab es noch ein weiteres Ereignis, was die Situation in Hamburg nachhaltig veränderte: Bei den Bürgerschaftswahlen am 23.9. erlitt der bisher regierende rot-grüne Senat eine empfindliche Niederlage. Gewinner der Wahl war die rechtspopulistische „Schill-Partei“ des Ex-Richters Ronald Schill. Diese bildete dann mit CDU und FDP den neuen Senat. Ole von Beust wurde Bürgermeister, Ronald Schill Innensenator.  SCHURA bedauerte den Regierungswechsel schon deshalb, weil man zuvor zu SPD/GAL ein recht gutes Verhältnis aufgebaut hatte. Einige Projekte wie der Lehrstuhl für islamische Theologie standen kurz vor dem Durchbruch. Gerade mit allem, was man für rot-grüne Integrationspolitik und damit für Verschwendung öffentlicher Mittel hielt, wurde gnadenlos aufgeräumt: Das Lehrstuhlprojekt wanderte in die Schublade, viele Beratungsstellen wurden gestrichen und schließlich im Frühjahr 2002 das Amt der Ausländerbeauftragten Frau Prof. Neumann.

Da gerade Frau Prof. Neumann unter Migranten in Hamburg ein hohes Ansehen genossen hatte, formierte sich nun Protest, an dem auch SCHURA sehr engagiert beteiligt war. Am 7.6.2002 fand eine Protestkundgebung auf dem Gänsemarkt statt, zu der mehrere Dutzend Migrantenvereine aufgerufen hatten. Dabei war die Beteiligung der Muslime jedoch geringer als angesichts der erheblichen Mobilisierungsbemühungen des SCHURA-Vorstandes erhofft. Meist waren die Moscheevorstände präsent, weniger die normale Moscheebasis. Dies hatte bei einer weiteren Palästina-Demo der SCHURA noch zuvor im April mit weit über 2.000 Teilnehmern ganz anders ausgesehen und zeigte die noch bestehenden Defizite auf, die islamische Basis für Themen wie die Integrationspolitik zu interessieren und zu mobilisieren. Der Senat ließ sich jedenfalls nicht beeindrucken, das Amt wurde abgeschafft. Stattdessen wurde ein Integrationsbeirat installiert – ohne muslimische Vertreter. Dieser Umstand wurde dann erst sechs Jahre später korrigiert, unter dem nun regierenden schwarz-grünen Senat.

Innensenator Schill fuhr in dieser Zeit gegen die Muslime Hamburgs einen harten Repressionskurs: Rasterfahndung, Bespitzelung der Moscheen und Festnahmen aufgrund dubioser „Hinweise“ gehörten zum Alltag. In den Morgenstunden des 11.9.2002 wurde in einer spektakulären Polizeiaktion bei entsprechendem Presseauftrieb das Gebäude Kleiner Pulverteich gestürmt. Albanische Moschee, Al-Nur-Moschee, Islamic Center sowie der Pensionsbetrieb wurden durchsucht. Angeblich hatte es Hinweise eines ausländischen Geheimdienstes über eine dort aufhältliche „gefährliche Person“ gegeben (die natürlich nicht gefunden wurde). Das größte Problem dabei war das Medienecho. Schon wieder gab es Bilder von Moscheen im Zusammenhang von Terrorgefahren, Bilder, die sich in den Köpfen der Menschen festzusetzen begannen. Die staatliche Sicherheitspolitik wurde zu einem immer größeren Problem für die Gemeinden und drohte immer wieder, alle Dialogarbeit zunichte zu machen. SCHURA beschloss deshalb, dies nun verstärkt zu thematisieren: Beim „Tag der offenen Moschee“ am 3.10.2002 waren die vorherige Polizeiaktion und die staatliche Sicherheitspolitik Thema der zentralen SCHURA-Veranstaltung in der Albanischen Moschee. Am 31.1.2003 fand unter dem Titel „Unter Generalverdacht? Muslime als Verlierer des staatlichen Anti-Terror-Kampfes?“ eine sehr gut besuchte Veranstaltung mit dem Bremer Rechtsanwalt und Vorsitzender der Internationalen Liga für Menschenrechte Dr. Rolf Gössner in der Universität Hamburg statt.

Das Klima änderte sich tendenziell, nachdem Bürgermeister von Beust im August 2003 Schill als Innensenator entlassen und sodann Neuwahlen angesetzt hatte, worauf die Schill-Partei aus der Bürgerschaft verschwand und seit Februar 2004 die CDU allein regierte. Gegenüber den Muslimen war insoweit ein sicherheitspolitischer Strategiewechsel erkennbar, als dass das Landeskriminalamt nun vermehrt die Kooperation mit den Moscheegemeinden suchte. Polizeiaktionen gegen Moscheen und ihre Besucher gingen von Hamburger Sicherheitsbehörden – ganz im Gegensatz zu anderen, gerade CDU-regierten Bundesländern – fortan nicht mehr aus. Was blieb und bis heute anhält ist die Beobachtung von Moscheen – insbesondere diejenigen des BIG sowie das Islamische Zentrum (die Al-Nur-Moschee wurde zwischenzeitlich aus der Beobachtung heraus genommen) – durch das Landesamt für Verfassungsschutz.

Eine Verbesserung der Beziehungen zum Hamburger Senat trat jedoch nicht ein. Zu einer Informationsveranstaltung zu den Bundestagswahlen am 6.9.2002 im Islamischen Zentrum hatte die CDU ausdrücklich die Teilnahme abgelehnt. Auch aufgrund dieser offensichtlichen Brüskierung empfahl SCHURA den Muslimen ausdrücklich, bei den Bundestagswahlen mit Erststimme SPD und mit Zweitstimme Grüne oder PDS zu wählen. Danach gab es seitens CDU und Senat gegenüber SCHURA zwar keine explizit feindseligen Haltungen mehr (Hamburg war und ist eines der wenigen Bundesländer ohne Kopftuchverbotsgesetz!), aber auch keinerlei Entgegenkommen. Man konnte von einer „Nicht-Beziehung“ sprechen. Es sei noch angemerkt, dass zur nächsten Wahldiskussion der SCHURA, nämlich im Februar 2004 in der Ibrahim-Khalil-Moschee zu den Bürgerschaftswahlen, eine Vertreterin der CDU teilnahm.

Dagegen entwickelten sich die Beziehungen zu den anderen Parteien sehr positiv: Mit Vertretern von Grünen, SPD, PDS und auch FDP gab es mehr oder weniger regelmäßige Kontakte und Gesprächsrunden. Seit 2002 veranstaltete die SPD zum Ende des Ramadan regelmäßig einen Empfang für die Muslime im Rathaus – eine in den Gemeinden viel beachtete Geste, weil sie den Muslimen erstmals öffentliche Anerkennung signalisierte. Zusammen mit SPD, Grünen, DGB und Kirchen rief SCHURA für den 1.3.2003 zu einer großen Friedenskundgebung auf dem Gänsemarkt gegen den Irak-Krieg, auf der neben Vertretern der aufrufenden Parteien, Gewerkschaften und Kirchen auch Mustafa Yoldas sprach.

Stärkung der inneren Strukturen

In dieser Zeit kam SCHURA eine immer größere öffentliche Bedeutung und Aufmerksamkeit zu, womit aber auch wieder die Anforderungen und Aufgaben wuchsen, was den letztlich kleinen Kreis von rein ehrenamtlich Tätigen in Vorstand und Arbeitsausschüssen immer wieder vor Probleme stellte. Immer wieder musste improvisiert werden, vieles konnte nicht so umgesetzt werden, wie man es gern gewollt hätte.

Als weiteres Problem wurde eine stark ungleichgewichtige Entwicklung in den einzelnen Mitgliedsgemeinden erkennbar: Bei BIG/Centrum-Moschee hatte man nach dem 11.9. sehr viel in die Professionalisierung der Arbeit investiert. Ramazan Ucar, Ahmet Yazici und andere waren hauptamtlich tätig, so auch ständig für die Medien ansprechbar und konnten auch organisatorisch mehr auf die Beine stellen als alle anderen Gemeinden und insbesondere auch SCHURA selbst. Dies gab BIG eine sehr viel stärkere öffentliche Präsenz als SCHURA, was aber in seiner Wirkung dem Ziel zu wieder lief, SCHURA als die Repräsentanz der Muslime Hamburgs aufzubauen. Es gab deshalb im und mit dem BIG-Vorstand Diskussionen, mehr Kräfte und Mittel in den SCHURA-Aufbau zu investieren. Ein fast etwas skurriler Streitpunkt war dabei stets immer wieder das Thema „wem gehört der Iftar?“ Wie oben schon beschrieben, hatte SCHURA im ersten Ramadan nach Gründung Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Hamburg zu einem Iftar-Essen ins Islamische Zentrum eingeladen. Aufgrund des großen Zuspruchs wurde diese Veranstaltung im nächsten Ramadan am selben Ort wiederholt. 2001 wurde der Iftar in die Centrum-Moschee verlegt, um angesichts der zu der Zeit bestehenden Verbotsdrohungen gegen Milli Görüs in der Öffentlichkeit dieser Moschee den Rücken zu stärken. Ab dem nächsten Ramadan (2002) fand in der Centrum-Moschee ein von BIG veranstalteter Iftar statt, parallel dazu ein SCHURA-Iftar im Islamischen Zentrum (2002 und 2005) und in der Albanischen Moschee (2003 und 2004). Dabei erwies sich der BIG-Iftar  angesichts Organisation und Programm als immer öffentlichkeitswirksamer, was ein deutlicher Ausdruck der hier gebündelten organisatorischen Kräfte ist. 2009 findet daneben wieder ein SCHURA-Iftar im Gesundheitszentrum „Ariana“ statt.

Im BIG-Vorstand wurde nach einiger Zeit den meisten doch klar, dass man sich mit einer Eigenprofilierung auf Kosten von SCHURA letztlich selbst schadet. Da die Notwendigkeit von SCHURA für alle Muslime Hamburgs und damit auch für die eigene Gemeinde nicht in Frage stand, mussten die Kräfte der eigenen Gemeinde benutzt werden, um SCHURA zu stärken bzw. über SCHURA mussten wiederum kleinere und strukturell schwächere Moscheegemeinden unterstützt werden. Mittelfristig würde BIG zurück treten müssen, um SCHURA nicht wie bisher als Koordinationsrat, sondern als Religionsgemeinschaft der Muslime Hamburgs aufbauen zu können. Diese Erkenntnis setzte sich aber nur Schritt für Schritt durch.

Zunächst zog im Ende 2002 das SCHURA-Büro vom Steindamm 62 in größere Räume nach Harburg in die Buxtehuder Str. 7 (das Gebäude steht im Eigentum von BIG und beherbergt auch das IWB) um. Ab Frühjahr 2003 war dort dann mit Nese Cevik die erste hauptamtliche Sekretärin tätig. Das Sekretariat hatte eine gewisse personelle Fluktuation, denn auf diese folgte schon im August 2003 Zehra Koc bis Februar 2004, sodann für ein halbes Jahr Aya Zammar, auf die schließlich Uswah Irsheed folgte und bis zu ihrem Mutterschftsurlaub im Mai 2007 blieb. Die Stelle wurde von der derzeitigen Sekretären Leyla Erdogan-Karabulut übernommen. Räumlich ist das Sekretariat dann noch zweimal umgezogen: Zunächst in die Centrum-Moschee und sodann in die jetzigen Räume in der Borgfelder Str. 34. Für den Vorstand brachte das Sekretariat eine große Entlastung, da viele Verwaltungs- und Koordinationstätigkeiten übernommen wurden. Fast noch wichtiger war es für die Mitgliedsgemeinden: Erstmals konnte so etwas wie Mitgliederbetreuung erfolgen; es gab hier jetzt eine feste Ansprechstelle, Informationen konnten zeitnah weiter gegen, Aktivitäten koordiniert werden.

Verschiedenes wurde unternommen, um den inneren Zusammenhalt der einzelnen Mitgliedsgemeinden zu stärken: Die Vorstandssitzungen fanden von nun an immer umschichtig in einer anderen Moschee statt. Dadurch soll erreicht werden, dass die Verantwortlichen der Moscheen die Vorstandsmitglieder kennen lernen, SCHURA so immer mal wieder in der Moschee präsent ist und der SCHURA-Vorstand sich wiederum einen Eindruck von der augenblicklichen Situation in der Moschee verschaffen kann. Dies hat sich bewährt und wird bis heute beibehalten. Wenig Erfolg beschieden war dagegen einem anderen Projekt, den Zusammenhalt zwischen den einzelnen Gemeinden zu stärken: In den Jahren 2001 – 2003 gab es jeweils eine gemeinsame Id-Feier mit unterschiedlichen kulturellen Beiträgen, die dann aber wegen der im Verhältnis zum großen organisatorischen Aufwand mangelnden Resonanz eingestellt wurde. Dies steht wiederum ganz im Gegensatz zum SCHURA-Sommergrillfest, das bislang an unterschiedlichen Orten (Wedel an der Elbe, Öjendorfer Park, Schnelsen-Moschee, Huda-Moschee in Billbrook) immer wieder großer Beliebtheit erfreut.

Ab Ende 2003 konnte in der SCHURA erstmalig eine aktive Frauenarbeit etabliert werden. Auf Initiative von Angelika Zainab Hassani gründete sich ein Frauenausschuss und entwickelte bald vielfältige Aktivitäten nach Innen und Außen. Es wurde Kontakte zu fast allen Moscheegemeinden geknüpft und versucht, dort die Schwestern zur aktiven Mitarbeit zu animieren. Der Frauenausschuss bemühte sich auch immer wieder, Frauen betreffende Themen in die Gemeinden einzubringen. So wurde auf Anregung des Frauenausschusses am 25.11.2005 aus Anlass des internationalen Tages „Nein zur Gewalt gegen Frauen“ das Thema familiäre Gewalt in den Freitagspredigten eine Reihe von SCHURA-Moscheen behandelt. Auch die thematische Schwerpunktveranstaltung von SCHURA zum „Tag der offenen Moschee“ am 3.10.2005 wurde wesentlich vom Frauenausschuss gestaltet: Die Veranstaltung fand in der Hira-(heute Said-i-Nursi-)Moschee und Ayasofya-Moschee in Wilhelmsburg unter Mitwirkung der Bürgerschaftsabgeordneten Nebahat Güclü (GAL/Grüne) statt und thematisch ging es um die damals akute öffentliche Skandalisierung muslimischer „Parallelgesellschaften“, insbesondere die Rolle der Frauen. Sehr aktiv war der Frauenausschuss auch in der Außendarstellung. Es entstanden zahlreiche Kontakte zu Parteien, Kirchen und zivilgesellschaftlichen Initiativen. So konnte dem Zerrbild, in der Moschee hätten Frauen nichts zu sagen, erfolgreich entgegen gearbeitet werden. Diese erfolgreiche Arbeit endete jedoch 2006 mit dem Rückzug Angelika Hassanis aus der islamischen Arbeit.

Ab 2004 organisierte sich auch die Jugendarbeit neu. Aus einer lokalen Gruppe der Muslimischen Jugend (MJ) heraus bildete sich die SCHURA-Jugend als Jugendausschuss der SCHURA Hamburg. Hier sammelten sich junge Muslime unterschiedlicher Herkunft (jedoch mit gewissem Schwerpunkt auf arabischstämmige) in einer offenen Struktur: Sie basierte nicht wie zuvor (und wie es bei BIG der Fall ist) auf Jugendgruppen in den Moscheen, sondern man organisierte sich jeweils um verschiedene aktuelle Projekte herum. Koordiniert wurde die Arbeit von einer Jugendleitung um den SCHURA-Jugendbeauftragten Jamal Sjawie. Dies kam einerseits der Tendenz bei Jugendlichen entgegen, sich gar nicht mehr fest einer bestimmten Moschee zuzuordnen, hatte aber immer einen gewissen Hang zur Unverbindlichkeit. Dies war auch der Grund dafür, dass die Jugendlichen aus BIG ihre eigene Organisation (IJB) beibehielten. Die SCHURA-Jugend entwickelte sich schnell zu einem Kristallisationspunkt der muslimischen Jugendlichen in Hamburg. Dabei konnten im Laufe der Zeit eine Reihe von Projekten etabliert werden von Jugendveranstaltungen in verschiedenen Moscheen, gemeinsamen Reisen, Sporttournieren (wie der jährliche I-Motion-Cup im Fußball), sozialen Projekten wie Gefangenenbetreuung, Obdachlosenspeisung und „Hamburg räumt auf“ bis zu öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie den Mahnwachen gegen Terror und Gewalt und zum Karikaturenstreit. Aus der SCHURA-Jugend ging auch der Sportverein SV Muslime Hamburg e.V. hervor, dessen Herren-Mannschaft seit der Saison 2008/2009 mit gutem Erfolg an den Ligaspielen des Hamburger Fußballverbandes teilnimmt.

Eine besondere Rolle im Hinblick auf die Jugendarbeit hat immer die Unterrichtsgruppe von Abu Ahmed Jakobi am Samstagabend in der Albanischen Moschee gespielt. Viele in der Jugend-Schura tätige Geschwister haben jedenfalls über einen gewissen Zeitraum an diesem Unterricht teilgenommen und erhielten hier ein stückweit ihr Rüstzeug an islamischem Wissen vermittelt. Auch erwies sich diese Gruppe wiederholt als Ideenfabrik für verschiedene dann erfolgreiche Aktionen (bspw. Die Mahnwache gegen Terror).

Bei den Vorstandswahlen auf der Hauptversammlung 2005 in der Albanischen Moschee gab es schließlich Umbesetzungen auf verschiedenen Positionen: Für Abdel Dahuk, der dieses mal nicht erneut kandidierte, wurde Daniel Abdin zum Vorsitzenden gewählt. Für den ebenfalls ausgeschiedenen Abdul Razak Yunusah kam Burhanettin Dag neu in den Vorstand; Jamal Sjawie wurde zum Jugend-Beauftragten gewählt und Zainab Hassani zur Frauen-Beauftragten.

Inhaltliche Positionierung: Das Grundsatzpapier

Aufgrund von durch Muslime verübten Attentaten wie in Madrid und London stehen die Muslime weiter unter dem Druck einer permanenten öffentlichen Debatte über Islam und Gewalt. Ständig gibt es neue Aufforderungen sich „zu bekennen“ und „zu distanzieren“. Durch den van-Gogh-Mord in Amsterdam im November 2004, begangen von einem jungen Niederländer marokkanischer Herkunft, bekommt die Debatte eine Fokussierung auf die „gescheiterte Integration“ muslimischer Migranten, die von ihnen ausgehende Gefahr und generell die angebliche Unvereinbarkeit von islamischer Religion und demokratischer Gesellschaft. Das Thema blieb, angereichert mit immer neuen Variationen (Ehrenmord, Zwangsheirat etc.) über die nächsten Jahre präsent. Dies führte zum Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in mehreren Ländern mit programmatischer Hetze gegen muslimische Migranten.

Auch SCHURA musste natürlich immer wieder auf diese Debatten reagieren. Dabei musste selbstkritisch eingeräumt werden, dass es auf Dauer nicht hinreichend ist, sich immer wieder von Terror zu distanzieren und zu erklären „Islam ist Frieden“. Die Öffentlichkeit erwartete eine differenziertere Positionierung zu zentralen politischen Fragen. Aber hier bestanden tatsächlich Defizite. Eine politische Auseinandersetzung mit der westlichen Gesellschaft aus islamischer Sicht fehlte bzw. reduzierte sich auf ein paar Phrasen aus den politischen Auseinandersetzungen in der Türkei oder arabischen Ländern in den siebziger und achtziger Jahren.

Also wurde im Herbst 2003 eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Abu Ahmed Jakobi beauftragt, ein Papier zu erarbeiten, welches zu den gesellschaftlich Relevanten Fragen die Positionen von SCHURA auf islamischer Grundlage darstellt. Es fand nun über mehrere Monate ein sehr fruchtbarer Diskussions- und Arbeitsprozess statt. Das Positionspapier wurde Abschnitt für Abschnitt in der Arbeitsgruppe erarbeitet, wobei Zwischenergebnisse Mitgliederversammlungen vorgestellt wurden. Am Ende stand das „Grundsatzpapier: Muslime in einer pluralistischen Gesellschaft“, welches am 18.04.2004 auf der Mitgliederversammlung in der Hicret-Moschee angenommen wurde. Das Papier enthält zum einen Aussagen zur Vereinbarkeit des Islam mit der Werteordnung des Grundgesetzes (Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte) zur Rolle der Muslime innerhalb der deutschen Gesellschaft und zur Positionierung der Muslime zu zentralen politischen Fragen. Zusammen mit der zur gleichen Zeit entstandenen „Islam-Charta“ des Zentralrats der Muslime war das Hamburger Grundsatzpapier das zentrale Dokument von Muslime zu Islam und Gesellschaft in Deutschland. Im Vergleich der Dokumente enthält das Grundsatzpapier jedoch die inhaltlich substanzielleren Aussagen: Ein Unterschied besteht, ob die Muslime die grundgesetzliche Ordnung aufgrund individueller Vertragsbeziehung mit dem deutschen Staat (Zentralrat) oder auch nach islamischem Recht anzustrebende Ordnung (SCHURA) akzeptieren. Insgesamt hat das Grundsatzpapier sehr viele positive Rektionen erfahren und war hilfreich, SCHURA glaubwürdig und überzeugend in den politischen Auseinandersetzungen zu positionieren.

Damit sich SCHURA sowohl durch inhaltliche Fundierung wie auch durch praktische Aktionen wie den Mahnwachen gegen Terror und Gewalt sowie zum Karikaturenstreit stets und auch glaubwürdig als Kraft der Mitte und der Mehrheit der Muslime etablieren. Die Umstände brachten es jedoch mit sich, dass SCHURA sich auch Angriffen von extremen Kräften innerhalb der Muslime ausgesetzt sah. So entstand in Hamburg nach dem 11.9. eine Gruppe der Hizb-ut-Tahrir, die wachsenden Zulauf bei Jugendlichen hatte. Es handelte sich dabei oft um Jugendliche aus säkularen Elternhäusern ohne Wissen über den Islam, die durch die permanenten öffentlichen Anfeindungen erst auf ihr Muslimsein gestoßen wurden. In dieser Gruppe wurde ihn der Islam im Wesentlichen als politische Ideologie über den Kampf der Gläubigen gegen die Ungläubigen nahe gebracht, wo die Befreiung der Muslime einzig durch ein globales Kalifat zu erreichen sei. SCHURA wurde für diese Gruppe zum bevorzugten Feindbild als quasi verräterische Muslime, die mit dem „Kuffar-System“ kollaborierten. Ein bevorzugtes Konfliktthema war die Beteiligung von Muslimen an Wahlen und politischen Parteien (wozu SCHURA aufrief). Obgleich eigentlich in der Masse der Muslime immer eine randständige Erscheinung, wurde HuT zeitweise ein Problem dadurch, dass die Gruppe in einzelnen strukturschwachen Moscheen „feindliche Übernahmen“ versuchten. So hatte HuT im Islamic Center, begünstigt durch Protegierung eines Vorstandsmitglieds, eine zeitlang die Jugendarbeit unter ihre Kontrolle gebracht und ein HuT-Anhänger hielt die Freitagspredigt (dies in Deutsch, was zum Anziehungspunkt für viele Jugendliche wurde). Es bedurfte der Intervention des SCHURA-Vorstandes erheblicher Auseinandersetzungen innerhalb des Vereins, um HuT von diesen Positionen zu verdrängen und sowohl die Jugendarbeit als die Leitung des Freitagsgebets in die Hände verantwortungsbewusster Brüder zu geben (die Freitagspredigt wird im Islamic Center, als einziger Moschee in Hamburg, weiter regelmäßig rein in deutscher Sprache gehalten).

Neben HuT gab es immer wieder Konflikte mit salafitischen Strömungen innerhalb der Muslime Hamburgs. Diese standen dem Projekt SCHURA von Anfang an ambivalent bis ablehnend gegenüber, da sie andere Richtungen des Islam (insbesondere Sufis und Schiiten) mehr oder weniger als „irregeleitet“ oder gar als nichtislamisch betrachten. Diese hatten immer eine dominierende Position innerhalb der Quds-Moschee, obgleich die Mehrheit der dortigen Gemeinde keine Extremisten sind und die Quds-Moschee sogar SCHURA-Gründungsmitglied war. Als „Moschee, in der die 11.9.-Attentäter gebetet haben“ war die Quds-Moschee immer wieder erheblichen  Angriffen aus den Medien ausgesetzt. Es gab über die Jahre immer wieder Versuche seitens des SCHURA-Vorstandes, mit vernünftigen Personen aus der Quds-Moschee dort verantwortliche Strukturen und eine Neuausrichtung der Gemeindearbeit zu etablieren. Letztlich sind alle Bemühungen in diese Richtung gescheitert an der Unfähigkeit oder dem Unwillen innerhalb der Quds-Moschee, sich von den Extremisten in den eigenen Reihen zu distanzieren. Am Ende war die Quds-Moschee noch formell SCHURA-Mitglied ohne sich an der Arbeit zu beteiligen, bis die Mitgliedschaft Ende 2006 beendet wurde.

Bundesweiter islamischer Einheitsprozess

SCHURA Hamburg hatte sich mittlerweile zu einem erfolgreichen Modell islamischer Zusammenarbeit auf Landesebene entwickelt, das weit über Hamburg hinaus ausstrahlte und andere Muslime motivierte. So wurde orientiert am Hamburger Beispiel 2002 SCHURA Niedersachsen gegründet. 2005 folgten unter tatkräftiger Anleitung Hamburger Geschwister die Gründungen von SCHURA Schleswig-Holstein und SCHURA Bremen. Alle Landesverbände weisen dabei die gleiche Struktur auf (Einheit aller Moscheegemeinden und islamischen Vereine ausgenommen DITIB und VIKZ), wobei die Strukturbildung in den Flächenstaaten Niedersachsen und Schleswig-Holstein natürlich mühseliger war.

Was fehlte und schmerzlich vermisst wurde, war ein Islam, der auch auf Bundesebene mit einer Stimme sprechen konnte. Hier agierten die Verbände Zentralrat, Islamrat, DITIB und VIKZ bisweilen mehr gegeneinander als miteinander. Besonders DITIB versuchte sich dem Staat – letztlich jedoch erfolglos – als alleiniger Ansprechpartner anzudienen (man setzte dabei ziemlich unverhohlen auf die Ausgrenzung von Islamrat und Zentralrat wegen deren Beobachtung durch den Verfassungsschutz). Diese Konstellation war gerade in Zeiten zugespitzter Debatten um den Islam besonders problematisch, da wiederholt versucht wurde, Verbände gegeneinander auszuspielen. Deshalb Ende 2004 immer nachdrücklicher die Initiierung eines bundesweiten Einheitsprozesses eingefordert.

Vor diesem Hintergrund erfolgte die Einladung zur „Hamburger Tagung Muslime in Deutschland – Probleme und Lösungsansätze“ am 26./27.02.2005 im BIG-Jugendheim Seevetal an alle namhaften Persönlichkeiten des Islam in Deutschland. Einlader waren Islamrat, Zentralrat und SCHURA Hamburg, die Vorbereitung war ganz maßgeblich von Hamburger Geschwistern geleistet worden. Die Resonanz war außerordentlich groß. Es kamen die maßgeblichen Vertreter von Islamrat und Zentralrat, ihnen angeschlossener Organisationen wie IGMG, ATIB  und IGD, der Landesverbände SCHURA Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, IRH sowie eine Reihe wichtiger Einzelpersonen des Islam in Deutschland wie Murad Hoffmann u.a.; erschienen waren auch Vertreter der VIKZ, nicht jedoch der DITIB. Debattiert wurde über zwei Tage in mehreren Themenblöcken, wobei der Themenblock „Repräsentation und Organisationsstruktur“ am Samstagabend mit Sicherheit der zentrale war. Über das gesamte Wochenende herrschte eine selten konstruktive Gesprächsatmosphäre. Relativ schnell fand sich ein Konsens ein, den Aufbau einer einheitlichen Organisationsstruktur anzugehen. Gemäß dem Vorschlag aus Hamburg/Niedersachsen sollte diese auf Landesverbänden basieren, die dann einen einheitlichen Bundesverband bilden. Zur Ausarbeitung wurde eine Strukturkommission gewählt (Hamburger Mitglied darin war Norbert Müller). Zwecks Koordination und gemeinsamen Auftritt nach Außen wurde eine Steuerungsgruppe gewählt mit dem damaligen Zentralratsvorsitzenden Nadeem Elyas als erstem Sprecher (Hamburger Vertreter hier Mustafa Yoldas).

Die Folgekonferenz fand am 10.09.2005 in Hannover statt. Von der Strukturkommission wurden erste Entwürfe einer Landes- und Bundessatzung vorgelegt. Die Diskussion drehte sich vor allem um die künftige Rolle der bisherigen Verbände: Die Landesverbände, eine Reihe von Einzelpersonen sowie im wesentlichen auch IGMG/Islamrat wollten das SCHURA-Modell möglichst in allen Bundesländern etablieren und darauf aufbauend einen Bundesverband. Islamrat und Zentralrat würden damit mittelfristig zu „Auslaufmodellen“ (spätestens dann, wenn der neue Bundesverband voll etabliert wäre). Hiergegen wehrte sich vehement der Zentralrat. VIKZ-Vertreter waren zwar anwesend, beteiligten sich jedoch nicht an den Debatten und erklärten lediglich, den Prozess beobachten zu wollen. Die weitere Konferenz am 20.11.2005 in Köln war dann lediglich eine Fortsetzung dieser Debattenkonstellation, wobei der Zentralrat nun mit Verweis auf den noch unentschiedenen VIKZ zu bremsen versuchte.

Auf der Konferenz am 28.01.2006 in Frankfurt setzen dann die Befürworter einer Neustrukturierung endlich den Beschluss durch, dass der Aufbau weiterer Landesverbände nun konkret und rasch erfolgen solle. Dem folgten jetzt auch tatsächlich Taten: Mit Hamburger Hilfe wurde die SCHURA Bremen gegründet und Nordrhein-Westfalen gab es erste Vorbereitungen für einen Verbandsaufbau. Jedoch auf der nächsten Konferenz am 17.06.2006 in Bremen kam es zum großen Knall: In einem denkwürdigen Beitrag griff Aiman Mazyek (Zentralrat) das Agieren der IGMG in NRW frontal an (Unterstellung von Majorisierungsabsichten etc.) und verlangte den einstweiligen Stopp des Landesverbandsaufbaus, andernfalls sich der Zentralrat zurückzöge. Es folgte eine heftige Debatte mit gegenseitigen Anwürfen und Beschuldigungen. Die Konferenz endete ohne konkretes Ergebnis.

Zu diesem Zeitpunkt tat sich jedoch schon etwas, was die meisten Muslime aber erst nach der Sommerpause realisierten: DITIB, mit dem bisherigen Alleinvertretungsanspruch im Prinzip gegen die Wand gelaufen (der deutsche Staat konnte und wollte keinen Verband als Ansprechpartner akzeptieren, der letztlich von einem anderen Staat kontrolliert wurde), zeigte nun eine gewisse Kooperationsbereitschaft gegenüber den anderen Verbänden. Insbesondere der Zentralrat setzte nun bevorzugt auf eine Zusammenarbeit mit DITIB und heraus kam der Koordinationsrat der Muslime (KRM) aus DITIB, VIKZ, Zentralrat und Islamrat. Der Einheitsprozess im Sinne einer Neustrukturierung war damit tot. Es kam zwar noch zu einem weiteren Treffen am 04.11.2006 in Berlin – wo erstmals auch DITIB-Vertreter teilnahmen – aber praktisch ohne jedes Ergebnis.

Erst nach längerer Zeit haben sich die Landesverbände SCHURA Hamburg, Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein, IRH sowie Islamische Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg am 14.03.2009 in Frankfurt getroffen zwecks Informationsaustausch und künftiger Koordination. Eine solche wurde für die Zukunft auf Ebene vorgenannter Landesverbände beschlossen. Ein Folgetreffen fand – zusätzlich unter Beteiligung von Vertretern eines neu entstehenden Landesverbandes in Mecklenburg-Vorpommern – am 06.06.2009 in Hannover statt.

Der Bürgermeister kommt zum Iftar – und leitet Staatsvertragsverhandlungen ein

Wie schon dargestellt hatte zwischen Senat und SCHURA seit dem Regierungswechsel im September 2001 im Prinzip Funkstille geherrscht. Diese wurde erst durchbrochen, als Bürgermeister Ole von Beust (CDU) im Oktober 2006 der Einladung zum Iftar in die Centrum-Moschee folgte. Die Festrede wurde von Imam Ramazan Ucar gehalten. Da zuvor Hamburg, als letztes Bundesland, Staatsverträge mit den beiden christlichen Großkirchen geschlossen hatte und ein solcher mit der jüdischen Gemeinde bevor stand, nahm Ramazan Ucar dies zum Anlass, einen solchen auch für die Muslime einzufordern. Zu aller Überraschung ging von Beust in seiner Erwiderung auf diesen Punkt ein und erklärte, zu Verhandlungen über einen Staatsvertrag bereit zu sein.

Und es blieb nicht nur bei dieser Erklärung: Ende des Jahres 2006 erhielt SCHURA (wie auch DITIB, VIKZ, Aleviten und Türkische Gemeinde) Post aus der Senatskanzlei: Alle Verbände wurden aufgefordert, ihre Vorstellungen zu einer vertraglichen Vereinbarung zwischen Stadt und Muslimen darzulegen sowie eigenes Selbstverständnis und Strukturen vorzustellen. Von SCHURA wurde daraufhin ein ausführliches Papier „Überlegungen zu einem Staatsvertrag zwischen Senat und Muslimen“ erarbeitet und auf zwei Mitgliederversammlungen Anfang 2007 im Islamischen Zentrum und in der Bosnischen Moschee diskutiert und verabschiedet. Darin werden die sachliche Notwendigkeit und rechtliche Möglichkeit eines Staatsvertrages sowie dessen anzustrebende Inhalte dargestellt. Ferner wurde eine Verhandlungskommission bestehend aus Mustafa Yoldas, Ramazan Ucar, Ahmet Yazici, Norbert Müller, Burhanettin Dag, Zulhajrat Fejzulahi und Mounir Ben Halima gewählt.

Gefragt wurde seitens der Senatskanzlei auch nach Mitgliedern und interner Struktur – wohl weil man feststellen wollte, ob man beim Verhandlungspartner auch den „organisatorischen Aggregatzustand“ einer Religionsgemeinschaft vorfindet. Bei SCHURA wurde dies zum Anlass einer ausführlichen Datenerhebung bei allen Mitgliedsvereinen genommen, die dann der Senatskanzlei vorgelegt wurde.

Als nächster Schritt erhielten SCHURA, DITIB und VIKZ Einladungen zur Aufnahme konkreter Verhandlungen. Mit den Aleviten und der Türkischen Gemeinde wurden eigenständige Gespräche geführt, weil der Senat feststellte, dass die Aleviten sich als eigenständige Religionsgemeinschaft verstehen und die Türkische Gemeinde kein religiöser Verband ist. In der ersten Verhandlungsrunde wurde das künftige Vorgehen abgeklärt: Man verständigte sich darauf, einzelne Sachthemen nacheinander abzuarbeiten und Grundsatzfragen an den Schluss zu stellen. Zwischenzeitlich haben sechs Verhandlungsrunden statt gefunden, in denen SCHURA durch Mustafa Yoldas, Ahmet Yazici und Norbert Müller vertreten wurde. Behandelt wurden bislang die Themen Moscheebau, Bestattungswesen und islamische Hochschulausbildung.

Moscheen wurde bewusst an den Anfang der Sachthemen gestellt, weil Moscheeräume tatsächlich ein drängendes praktisches Problem darstellen. Hier ist besonders die Al-Nur-Moschee zu nennen, die sich in der Tiefgarage des Gebäudes Kleiner Pulverteich befindet. Abgesehen überhaupt von eigentlichen Ungeeignetheit dieser Räumlichkeiten für eine Moschee sind diese baurechtlich nicht genehmigt und auch nicht genehmigungsfähig. Die Moschee sucht spätestens seit 2003 intensiv nach einem Kaufobjekt. Obgleich dies eine Zeitlang mit Unterstützung des örtlichen Sanierungsträgers ASK erfolgte und auch mehrere prinzipiell geeignete Gebäude gefunden wurden, scheiterte dies letztlich immer wieder an der baurechtlichen Nutzungsgenehmigung. Inzwischen gibt es Überlegungen, die Gemeinden der Al-Nur-Moschee und der Muhajirin-Moschee zusammen zu legen und gemeinsam ein größeres Objekt zu erwerben. Ein solches Problem hat auch die Ansar-ul-Deen-Moschee, die sich bis zu dessen Abriss 2006 im Keller des Eckgebäudes Adenauerallee/Böckmannstraße befand. Die Moschee wollte ein nicht genutztes Gebäude einer Kirchengemeinde in Billstedt kaufen. Als die Kirchengemeinde realisierte, dass Kaufinteressent eine Moscheegemeinde war, wurde das Angebot sofort zurück gezogen. Der Moscheeverein musste dann Räume in der Wendenstraße mieten. Ein Teil der Gemeinde wollte aber unbedingt in St. Georg bleiben und mietete eine Etage im Gebäude Kleiner Pulverteich 9. So entstand dort die Tawba-Moschee.

Das Projekt Staatsvertrag beförderte auch weitere interne Prozesse der SCHURA: Ein Punkt für einen Staatsvertrag ist eine islamische Feiertagsregelung. Wie anderswo in Deutschland auch, waren Hamburgs Muslime mit einer von Jahr zu Jahr größeren Verwirrung bei der Bestimmung des Ramadan und der Feste Id-ul-Fitr und Id-ul-Adha belastet. Hier sah sich nun SCHURA in der Verantwortung, ein möglichst großes Maß an Einheitlichkeit und Transparenz zu schaffen. Man konnte schlecht dem Senat gegenüber als Religionsgemeinschaft der Muslime Hamburgs auftreten und in einer für die Religionsausübung so zentralen Frage den Dingen einfach ihren Lauf lassen. Also wurde am 29.4.2007 eine Mitgliederversammlung in der Al-Houda-Moschee einberufen, wo Ahmad Kaufmann vom Islamic Crescents Observation Project (ICOP) über die wissenschaftlichen Grundlagen der Hilal-Sichtung referierte. Danach gibt es hierfür nur zwei wissenschaftlich korrekte Methoden: Die globale Sichtung (Maßgeblichkeit einer Sichtungsmöglichkeit irgendwo auf der Erde) und die lokale Sichtung (Maßgeblichkeit einer Sichtung im Rahmen des jeweils örtlichen Sichtungshorizont). Dies wurde von der Versammlung so angenommen und praktisch kristallisierte sich dann heraus, dass die schiitischen Gemeinden die lokale Sichtung anwenden und die übrigen die globale. Seit 2007 wird von SCHURA jährlich für den Ramadan ein einheitlicher Kalender mit den Gebetszeiten, Moscheeadressen und weiteren Informationen für alle Gemeinden erstellt, der inzwischen die separaten Kalender der einzelnen Gemeinden ersetzt hat und zudem durch Auslage in vielen Geschäften weite Verbreitung unter Hamburgs Muslimen findet.

Der Nahost-Konflikt wirkt auch nach Hamburg: Demonstrationen für Libanon und Palästina

SCHURA hat sich nie gescheut, die Interessen der Muslime auch auf die Straße zu tragen. Ein immer wieder kehrendes Thema war dabei der Nahost-Konflikt. Im Juli 2006 überfiel Israel den Libanon und zerstörte über Wochen mit massiven Bombardierungen große Beiruts und des Südlibanon. Die Hizbollah wiederum schoss Raketen auf Israel. SCHURA reagierte wenige Tage nach Kriegsausbruch mit einer relativ spontan über die Freitagsgebete sowie Emailverteiler organisierte Kundgebung auf dem Gänsemarkt. Der Krieg dauerte dann jedoch mehrere Wochen bis in den August hinsichtlich der Aktionsfähigkeit zeigten sich zwei Probleme: Zunächst ein organisatorischen, da in dieser Zeit viele Aktive in den Sommerurlaub gereist waren. Sodann ein Politisches: In den Monaten zuvor hatte der iranische Präsident Ahmadinejad mit maßlos dummen Äußerungen über die angebliche Zweifelhaftigkeit des Holocaust für breite Empörung in Deutschland gesorgt (gerade auch unter Grünen, Linken und Friedensaktivisten, die sonst Muslimen eher positiv gegenüber stehen); für proisraelische Kreise ein gefundenes Fressen, die allen Muslimen nun gleich „Antisemitismus“ unterstellten.

SCHURA hatte auf diese Debatte sofort reagiert und in einer Erklärung zu Antisemitismus und Holocaust klar Position bezogen. Gleichwohl war diese Angelegenheit während des Libanon-Krieges ein Problem, da der libanesische Widerstand primär von Hizbollah getragen wurde, Hizbollah wiederum eng mit dem Iran verbunden war, was wiederum dazu führte, dass man sich in der deutschen politischen Szene sehr reserviert verhielt, zwar den Krieg verurteilte, aber sich keinesfalls irgendwie solidarisieren wollte. Es gab dann noch mehrere Demos, meist immer freitags nach dem Gebet, aber diesen wurden ausschließlich und allein von SCHURA und/oder verschiedenen libanesischen bzw. arabischen Vereinen getragen (wobei es innerlibanesisch auch noch Probleme gab zwischen dem (sunnitischen) Hariri-Lager und den (schiitischen) Hizbollah-Anhängern).  In den Medien fand während des Krieges eine Position Verbreitung, welche Partei ergriff für Israel wegen Verteidigung angeblich gemeinsamer Werte gegen den gemeinsamen Gegner Islam; alles zusammen erzeugte für Muslime erneut ein unangenehmes Gefühl der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Nach dem Krieg war es Anlass für SCHURA und die Partei Die Linke, in einer gemeinsamen Veranstaltung am 20.9.2006 („Wege aus der globalen Konfrontation“) dies aufzuarbeiten. Nach Podiumsbeiträgen u.a. von Norman Paech (Hamburger MdB Die Linke) und Rolf Verleger (Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Juden, welcher die bedingungslose Israel-Lobby-Haltung des Zentralrats scharf kritisierte) ergab sich eine äußerst interessante und fruchtbare Diskussion zwischen Muslimen und Linken über den Krieg in Nahost und die Politik in Deutschland.

Anfang 2008 war die Situation in Gaza Anlass für erneute Aktivitäten: Um die in Gaza regierende Hamas in die Knie zu zwingen hatte Israel das Gebiet abgeriegelt, worauf die Versorgungssituation der dortigen Bevölkerung immer dramatischer wurde. Hierfür internationale Aufmerksamkeit schaffen sollte die Aktion „Ein Tag für Gaza“, der sich in Hamburg SCHURA mit einer Demonstration am 8.2.2008 anschloss. Mit mehreren Tausend Teilnehmern war diese zwar überraschend erfolgreich, aus dem SCHURA-Vorstand wurde im Nachhinein aber erhebliche Kritik laut: Die Vorbereitungsgruppe habe sich nie auch nur bemüht, Nichtmuslime mit einzubeziehen; das Gepräge der Demo einschließlich der Abschlusskundgebung habe einen z.T. „sektiererischen“ Charakter getragen in der Weise, als es einigen mehr um islamische Dawa gegangen sei als um die Vermittlung eines politischen Anliegens (nämlich Solidarität mit Gaza).

Mit dem Angriff Israels auf Gaza am 26.12.2008 spitzte sich die Lage endgültig zu. Dies führte aber in kurzer Zeit überall zu vielfältigen Aktivitäten gegen diesen Krieg. In Hamburg gab es zwei große Demonstrationen mit jeweils mehreren tausend Menschen am 2.1. und 17.1.2009, eine Menschenkette um die Binnenalster sowie, nach Ende der Kampfhandlungen, eine „Leichenaktion“ auf dem Rathausplatz. Getragen wurden diese Aktivitäten jeweils von einem Aktionsbündnis, an dem neben SCHURA die Palästinensische Vereinigung und einige weitere palästinensische Vereine in Hamburg, das Hamburger Forum für Frieden und Völkerverständigung, Attac, der Flüchtlingsrat und z.T. Die Linke beteiligt waren. Auf der Demo am 2.1. hatte Norman Paech (Die Linke) eine sehr engagierte Rede gehalten. Insgesamt kann man feststellen, dass in Hamburg und vielen anderen Städten (Bremen, Frankfurt u.a.) diese Aktivitäten von konstruktiven Bündnissen zwischen linken Kräften und Muslimen gekennzeichnet waren, in denen gerade die jeweiligen islamischen Landesverbände, insbesondere was die Mobilisierungsfähigkeit betraf, eine wichtige Rolle spielten.

Krise in der Jugendarbeit und neue Möglichkeiten mit schwarz-grünem Senat

Zunächst hatte es auf der Mitgliederversammlung am 16.9.2007 in der Belal-Moschee einige personelle Veränderungen im Vorstand gegeben: Özlem Nas übernahm das Amt der Frauenbeauftragten. Für den ausgeschiedenen Burhanettin Dag kam Djavad Mohagheghi in den Vorstand (er war von Hannover nach Hamburg gekommen, um im Islamischen Zentrum die Aufgabe eines Dialogbauftragten zu übernehmen). Bis dahin vakante Positionen wurde wieder besetzt mit Rahime Schiborn (sie war nun für die Bildungsarbeit verantwortlich) und Nabil Chabrak (er kam aus der SCHURA-Jugend und sollte sich um Öffentlichkeitsarbeit kümmern).

In der SCHURA-Jugend schwelte zu diesem Zeitpunkt schon eine krisenhafte Entwicklung, die sich wenig später voll zuspitzen sollte. Die Jugendarbeit hatte sich, wie vorstehend schon dargestellt, unter Leitung des Jugendbeauftragten Jamal Sjawie sehr erfolgreich um eine Reihe von Projekten herum entwickelt und eine Vielzahl von muslimischen Jugendlichen sehr unterschiedlicher Herkunft einbezogen. Die Struktur war eher locker und machte Jugendlichen, von denen viele eher keine feste Bindung an eine bestimmte Moschee mehr haben, den Einstieg leicht, indem sie sich für eines der laufenden Projekte engagierten. Eher zu kurz kam dabei wohl eine deutlichere inhaltliche Fundierung der Arbeit. Dies zeigte sich, als ab Mitte 2007 einzelne Personen begannen, vermehrt salafitisches Gedankengut unter den Jugendlichen zu verbreiten. Der Salafismus entwickelte sich ausgehend von einzelnen Predigern insgesamt ich Deutschland zu einer Strömung mit gewisser Attraktivität für junge Muslime, u.a. weil diese Prediger geschickt das Internet nutzen, deutschsprachig arbeiten und so die Jugendlichen besser ansprechen können sowie zudem einen gewissen „Identitätsfaktor“ liefern. In der Praxis führt dieser Ansatz immer wieder dazu, in einer „innerislamischen Mission“ den „wahren Islam“ zu verkünden und die Mehrheit der Muslime als „irregeleitet“ zu denunzieren. So bildete sich auch in der SCHURA-Jugend eine salafitisch orientierte „Dawa-Gruppe“, die vor allem unterschiedliche salafitische Prediger aus anderen Städten zu Vorträgen in die Moscheen einlud und auf diese Weise immer mehr Jugendliche beeinflusste.

Im SCHURA-Vorstand löste diese Entwicklung immer mehr Besorgnis aus und anlässlich einer Veranstaltung mit dem Prediger Abdul Adhem aus Berlin im Februar 2008 kam es zum offenen Konflikt, da der Vorstand gegen die Nutzung der Moscheen für die Veranstaltungen der „Dawa-Gruppe“ intervenierte, zumal diese den Moscheeleitungen gegenüber ihre Absichten nicht offen legte, sondern den Eindruck erweckte, es seien Aktivitäten der SCHURA-Jugend. Die Entwicklung war jedoch zu diesem Zeitpunkt weit vorangeschritten, so dass die bisherige SCHURA-Jugend in den Auseinandersetzungen der folgende Monate vollständig auseinander brach und die Mehrheit sich der salafitischen Gruppe zuwandte. Diese bezog von nun an eine konfrontative Position gegen SCHURA, die Mitglieds-Moscheen und deren Imame und agiert inzwischen von der Quds-Moschee aus.

Als eine Ursache dieser Entwicklung wurde in SCHURA eine Vernachlässigung der inhaltlichen Arbeit und darüber ungenügende Profilierung, für welches Islamverständnis SCHURA steht. Deshalb wurde jetzt durch eine Arbeitsgruppe im Interreligiösen Ausschuss eine Veranstaltungsreihe konzipiert, wo öffentlich mittels Vorträge fachkundiger Referenten über Themen wie historisch-kritische Qur´an-Auslegung, Wertedebatte, Islamophobie u.a. diskutiert werden soll. Eine Veranstaltung mit Kathrin Klausing zur Qur´an-Auslegung fand am 21.1.2009 in der Uni Hamburg statt, eine weitere mit Prof. Werner Schiffauer zur Wertedebatte folgte am 22.6.2009. Beide Veranstaltungen hatten eine sehr gute Besucherresonanz. Zur Aufarbeitung der Krise im Jugendbereich wurde eine Tagung am 28.12.2008 im Kuppelsaal der Centrum-Moschee durchgeführt. Am selben Ort folgte am 1.5.2009 eine weitere Versammlung, wo mit alten wie neuen Jugendlichen eine Reorganisation von Jugendstrukturen begonnen wurde. Inzwischen gibt es wieder eine Jugendgruppe, die als erste Aktivität das SCHURA-Grillfest am 5.7.2009 organisierte.

Am 24.2.2008 wurde in Hamburg die Bürgerschaft neu gewählt. Im Wahlkampf war auffällig, dass noch nie so viel Interesse an Wahlwerbung unter Muslimen geherrscht hatte. Nicht nur das SCHURA wie üblich – diesmal in der Al-Nur-Moschee – eine gut besuchte Veranstaltung mit Kandidaten von SPD, CDU, GAL, Linke und FDP durchführte. Gleich mehrere Kandidaten von GAL und SPD waren sehr daran interessiert, sich und ihre Partei in mehreren Moscheegemeinden vorstellen zu dürfen. Dies zeigt die gewachsene Bedeutung von Muslimen als Wählerpotential, ist aber auch Resultat erfolgreicher Lobby-Arbeit von SCHURA bei den Parteien. Wahl und anschließende Koalitionsverhandlungen brachten einen CDU/GAL-Senat und eine Opposition aus SPD und Linken (die FDP kam nicht über 5%). Als erstes positives Ergebnis wurde im Haushalt ein Posten zum Aufbau eines Lehrstuhls für Islamische Theologie innerhalb einer Akademie der Weltreligionen vorgesehen – ein schon seit Anfang des Jahrzehnts vorbereitetes Vorhaben, welches mangels politischem Interesse lange auf Eis gelegen hatte.

Neu strukturiert wurde auch der Integrationsbeirat. Waren beim alten Integrationsbeirat die islamischen Gemeinden völlig ignoriert worden, wurde jetzt ein Sitz explizit für diese vorgesehen, welcher dann von Özlem Nas besetzt wurde. Bei der Wahl im November 2008 kandidierten aus der SCHURA Mohammed Khalifa für die Region Afrika und Ahmet Yazici für die Region Türkei. Beide Kandidaten wurden in den Beirat gewählt.

Fazit

Zusammenfassend betrachtet gründet sich der Erfolg bisheriger Arbeit auf mehrere Aspekte:

Erstens konnte überhaupt gezeigt werden, dass Muslime unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher islamischer Richtungen wie Sunniten und Schiiten überhaupt zusammen arbeiten konnten – was zuvor von Muslimen wie Nichtmuslimen immer wieder in Zweifel gezogen worden war. Es zeigte sich nämlich, dass ein die große Mehrheit der Muslime repräsentierenden „Mainstream-Islam“ existiert, der sich im wesentlichen ergibt aus seiner Positionierung innerhalb der deutschen Gesellschaft: Ein Islam, der sich als Teil einer säkularen, demokratisch-rechtsstaatlichen Gesellschaft sieht, in welcher er den Glauben praktizieren und seine Werte auch einbringen möchte. Dieses Islamverständnis konnte SCHURA erfolgreich zum Ausdruck bringen und sich als Repräsentanz dieses Mehrheits-Islams in Hamburg etablieren.

Tatsächlich konnte SCHURA die Mehrheit der Hamburger islamischen Gemeinden auf dieser Grundlage zusammen schließen und die Arbeit im Laufe der Jahre konsolidieren und intensivieren. In den SCHURA-Gemeinden bildete sich dieses Islam-Verständnis als eigenes Selbstverständnis heraus. In den letzten Jahren noch neu entstandene Gemeinden wie Pak-Islami-Merkez, die El-Iman-Moschee, die Tawba-Moschee oder die Sabikun-Moschee schlossen sich SCHURA an. Abgelehnt wird dieses Islam-Verständnis in Hamburg nur von einem zum Extremismus tendierenden Rand, namentlich die salafitischen Gruppen einschließlich der Quds-Moschee sowie der Hizb-ut-Tahrir. Ein Sonderfall ist dagegen das Verhältnis zwischen SCHURA und DITIB: Zwischen beiden Verbänden gibt es im Prinzip weder Unterschiede von der Theologie her noch im vorgenannten Islam-Verständnis. Dieser liegt allein in der türkischen Politik bezüglich der religiösen Angelegenheiten der Migranten in Europa begründet. Dies ist mit Sicherheit nicht tragfähig, um daraus die Existenz zweier Religionsgemeinschaften auch für die Zukunft zu begründen.

Dass SCHURA sich hat in Hamburg so nachhaltig etablieren können, hat an einem von Anfang bewusst geführten gesellschaftspolitischen Engagement gelegen. Von Anfang an wurde der Kontakt zur Politik, zu den Kirchen und vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen gesucht. Im Gegensatz zu anderen Muslimen, die sich oft zu lange abschotteten und diese Abschottung dann erst im Konflikt und damit in einer nachteiligen Situation zwangsweise aufgeben mussten, hat man in Hamburg frühzeitig gelernt, sich in den hiesigen gesellschaftspolitischen Strukturen richtig zu bewegen. Dies war aber auch nur möglich durch die Entwicklung des beschriebenen eigenen Selbstverständnisses.

Schließlich bietet SCHURA ein für den Islam in Deutschland zukunftstaugliches Organisationsmodell: Es organisiert alle islamischen Gemeinden eines Bundeslandes auf Grundlage des Islam-Verständnisses des Mehrheits-Islams in Deutschland. Es ist eine Organisationsstruktur, die sich an der föderalen Struktur Deutschlands orientiert und der Tatsache, dass die meisten die Muslime betreffenden Angelegenheiten Ländersache sind. Sie ist deshalb geeignet, mittelfristig, dass bisherige migrationsgeprägte ethnische Verbandswesen zu ersetzen. Die Struktur wurde auch schon in den anderen norddeutschen Ländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen übernommen.

Ähnlich denen in Hamburg haben aktuell auch in Niedersachsen und Bremen Verhandlungsprozesse mit den dortigen Landesregierungen begonnen. Sollten diese erfolgreich abgeschlossen werden können, werden sich daraus auch neue Herausforderungen ergeben, insbesondere was die Belastbarkeit der Organisationsstrukturen betrifft. Es ist absehbar, dass eine rein ehrenamtliche Arbeit wie bisher den Anforderungen nicht mehr genügen wird. Hier muss eine Professionalisierung bei bestimmten Funktionsträgern erfolgen, wofür bislang aber die finanziellen Mittel fehlen. Hier müssen Lösungen gefunden werden.

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