Islam in Deutschland

Islamische Strukturen in Deutschland 

Nachfolgend sollen die islamischen Strukturen in Kürze und in ihren wesentlichen Elementen dargestellt werden. Dabei ist zunächst etwas zur Geschichte des Islams in Deutschland zu sagen, welche wesentlich durch die Migrationsgeschichte bestimmt ist.

      1. Geschichte des Islam in Deutschland
 
 1.1.  Die Anfänge: Geschäftsleute und Studenten
 
Schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts kamen Gruppen von Studenten und Geschäftsleuten aus der arabischen Welt, der Türkei, dem Iran und Indien nach Deutschland und entfalteten hier ein religiöses Leben. In dieser Zeit wurde in Berlin-Wilmersdorf die erste Moschee Deutschlands errichtet. Diese ersten Ansätze eines islamischen Gemeindelebens in Deutschland endeten jedoch durch die Auswirkungen der nationalsozialistischen Herrschaft und des zweiten Weltkrieges.

Bald nach dem Krieg kamen jedoch wieder Geschäftsleute und immer zahlreichere Studenten aus der islamischen Welt nach Deutschland und begründeten das Gemeindeleben neu. Die so vor allem in den Universitätsstädten entstandenen Gruppen entfalteten zahlreiche Aktivitäten und die in den sechziger erfolgten Moscheebauten der Islamischen Zentren in Hamburg, München und Aachen (ersteres durch iranische Kaufleute, letztere durch arabische Studenten und Geschäftsleute) sind heute die sichtbarsten Zeichen dieser Epoche.


 1.2.  Das prägende Element: Die Gastarbeiter
 

Jedoch wurden die Muslime in jener Zeit aufgrund ihrer geringen Zahl und ihres meist begrenzten Aufenthaltes gesamtgesellschaftlich kaum wahrgenommen. Dies änderte sich, als 1962 als Folge des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei die Arbeitsmigration von Muslimen nach Deutschland begann. Es kamen muslimische Gastarbeiter aus der Türkei und später auch aus dem ehemaligen Jugoslawien sowie aus Tunesien und Marokko. Diese Menschen sollten von nun den Islam in Deutschland und seine Strukturen prägen.

Wie man anfangs allgemein von einer vorübergehenden Anwesenheit dieser Gastarbeiter ausging, hatte auch ihr religiöses Leben nur einen provisorischen Charakter. Dies erschöpfte sich meist darin, in den Wohnheimen Gebetsmöglichkeiten zu schaffen.

Einen Einschnitt brachte das Jahr 1973 mit dem von der Bundesregierung verfügten Anwerbestopp für Gastarbeiter. Da ein kurzfristiges Hin- und Herwechseln aus den Herkunftsländern nun nicht mehr möglich war, führte es bei den in Deutschland verbliebenen „Gastarbeitern“ zu einer Verfestigung ihres Aufenthaltes. Folge davon war, dass vielfach die Familien nachgeholt wurden. Dies führte nach und nach zur Etablierung eines vollen religiösen Gemeinschaftslebens: Vereine wurden gegründet, die Moscheen einrichteten. Neben der Abhaltung der Gebete und allgemeiner Versammlungen dienten diese vor allem der religiösen Unterweisung der hier aufwachsenden Kinder und Jugendlichen.

 
 1.3.  Weitere Migrantengruppen kommen hinzu: Der Islam wird vielfältiger

 

Ab den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts veränderten sich die islamischen Gemeinschaften in Deutschland erneut: Nun kamen viele Flüchtlinge aufgrund von Kriegen und Bürgerkriegen in ihren Herkunftsländern: Afghanen, Libanesen und Palästinenser, Bosnier und Albaner, afrikanische Muslime aus verschiedenen Ländern dieses Kontinents. Immer mehr wurde der Islam in Deutschland zu einem Abbild der islamischen Weltgemeinschaft mit all den existierenden ethnischen und religiösen Strömungen, jedoch mit einem starken türkischen Schwerpunkt.

Vor Ort führte dies in den neunziger Jahren zu einer Ausdifferenzierung der Moscheegemeinden: Hatten bisher meist alle Gruppen gemeinsam in der größten Moschee des jeweiligen Ortes gebetet, entstand nun bald bei jeder ethnischen Gruppe, sobald sie hierfür groß genug geworden war, das Bedürfnis nach Gründung einer eigenen Moscheegemeinde. So entstanden besonders in Großstädten neben den bestehenden türkischen auch arabische, albanische, afghanische, kurdische, afrikanische etc. Gemeinden. Dies hat seine Ursache natürlich auch darin, dass die Moschee nicht nur Ort religiöser Handlungen, sondern immer auch soziales Zentrum ist.

 
     2. Organisationsstruktur
 
 2.1.  Migrationsorientierte Verbände
 
Nachdem sich in den siebziger Jahren immer mehr örtliche Moscheevereine gründeten, schlossen sich diese bald zu unterschiedlichen bundes- oder auch europaweit agierenden Verbänden zusammen. Gemeinsames Charakteristikum dieser Verbände war ihre Doppelfunktion, nämlich sowohl das religiöse Leben in Deutschland als auch eine Verbindung zu den jeweiligen Herkunftsländern zu gewährleisten. Besonders anfangs lag ihr Schwerpunkt dabei eindeutig auf letzterem Aspekt. Deshalb haben diese Organisationen auch alle eine Verbindung entweder zum dortigen Staat oder einer dortigen, bisweilen in Opposition stehenden, religiösen Organisation.
 
 2.1.1.      Türkische Verbände 2.1.1.1. DITIB
 
Die zahlenmäßig größte Organisation ist die 1984 gegründete Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB). Bei diesem Verband ist die Herkunftslandanbindung am größten und letztlich so bestimmend, dass es sich mehr um einen staatlich verwalteten als einen selbstorganisierten Islam handelt. Die Imame sind türkische Beamte und bis vor kurzem wurde der Verband unmittelbar durch die Religionsattachés der türkischen Konsulate geführt. Zur Zeit findet zwar eine Umorganisation durch Schaffung von Landesverbänden mit „zivilen“ Vorständen statt, jedoch scheinen auch hier satzungsmäßigen Wahlverfahren so konstruiert zu sein, dass letztlich weiterhin der türkische Staat Einfluss und Kontrolle behält.
 
 2.1.1.2. IGMG
 
Einen besonderen politisch-religiösen Doppelcharakter weist die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e.V. auf, deren Vorläuferorganisationen bereits in den 1970er entstanden waren: Einerseits sah man sich als eine religiöse Organisation von Muslimen in Europa, andererseits der islamisch orientierten Parteibewegung von Necmettin Erbakan in der Türkei zugehörig. Dies führte in der Organisationsgeschichte immer wieder zu Auseinandersetzungen und auch Neuausrichtungen und die Veränderungen der letzten Jahre zeigen sich hier am deutlichsten: Zum einen lässt die Türkeibindung der türkischstämmigen Muslime immer mehr nach. Zum anderen wird der organisatorische Bezugspunkt in der Türkei immer bedeutungsloser aufgrund Gründung der AKP bei gleichzeitiger immer weiterer politischer Marginalisierung von Erbakans Saadet-Partei. Dadurch befinden sich viele IGMG-Gliederungen in einem Prozess der Neuorientierung bei immer weniger Bezug zur ursprünglichen „Milli Görüs“.
 
2.1.1.3. VIKZ
 
Der 1973 gegründete Verband der Islamischen Kulturzentren e.V. geht auf die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Türkei entstandenen Qur´an-Kurs-Bewegung des islamischen Gelehrten Süleyman Hilmi Tunahan zurück. Hintergrund war die zeitweise Abschaffung des staatlichen Religionsunterrichts durch Atatürk, weshalb islamischer Unterricht nun privat und – bis in die fünfziger Jahre – auch illegal organisiert wurde. Die heute legal arbeitende Organisation in der Türkei betreibt dort eine Vielzahl von islamischen Lehreinrichtungen. Gleichzeitig war Tunahan ein Scheich (sufischer Lehrmeister) der dem mystischen Islam zugehörigen Nakschibendi-Gemeinschaft. Dies verleiht dem VIKZ auch einen Doppelcharakter, nämlich einerseits Betreiber von Moscheen und islamischen Bildungseinrichtungen zu sein, andererseits intern Strukturen einer mystischen Gemeinschaft aufzuweisen. Letzteres führt zu einer extrem zentralistischen Ausrichtung des VIKZ auf die Führung der Gemeinschaft in der Türkei, wodurch sich eine Integration des VIKZ in hiesige Strukturen immer als schwierig erwiesen hat.

 

 2.2.  Andere Verbände

Die Muslime türkischer Herkunft sind nicht nur die größte Gruppe in Deutschland, sie stellen auch die mit Abstand am besten organisierte dar. Von den anderen ethnischen Gruppen weisen allenfalls die Bosnier mit der Vereinigung Islamischer Gemeinden der Bosniaken in Deutschland e.V. (VIGB) eine ähnlich strukturierte Organisation auf. Diese entstand während des Krieges in Ex-Jugoslawien aus dem früheren Verband der Muslime Jugoslawiens und ist dem Büro des Muftis von Sarajevo verbunden. Ebenfalls aus dem Verband der Muslime Jugoslawiens ist in dieser Zeit der Verband der albanisch-islamischen Gemeinden hervorgegangen, der aber über weniger feste Strukturen verfügt und vor allem über keine direkte Anbindung in einem Herkunftsland, da die Herkunftsgebiete albanischer Muslime heute in drei unterschiedlichen Ländern liegen (Kosovo, Mazedonien, Albanien).

Eine zahlenmäßig insgesamt große Gruppe mit aber eher schwachen Organisationsstrukturen stellen die Muslime arabischer Herkunft dar, was eben auch damit zusammenhängt, dass diese in Deutschland aus ganz unterschiedlichen arabischen Ländern stammen (wobei es gewisse Migrationsschwerpunkte wie der Marokkaner im Rhein-Main-Gebiet und der Libanesen und Palästinenser in Berlin und Norddeutschland gibt). Einzig bundesweit bedeutende Organisation arabischer Muslime ist die Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD), wobei deren Vorläuferorganisation noch auf die 1960 gegründete Moscheebau-Kommission des Islamischen Zentrums München zurück geht. Die IGD weist jedoch mehr Einzelmitglieder aus als fest angebundene Moscheegemeinden und hat so eher einen Netzwerkcharakter. 

Die meisten arabischen Gemeinden sind nicht organisiert. Dies trifft auch auf die Gemeinden kleiner ethnischer Gruppen wie der Afghanen, Pakistanis, Afrikaner u.a. zu.

Strukturelle Besonderheiten weisen auch die schiitischen Gemeinden auf. Diese haben erst kürzlich mit der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden in Deutschland einen gemeinsamen Verband gegründet. Schiiten in Deutschland weisen unterschiedliche Herkunftsgruppen auf (Araber, Türken, Iraner sowie kleinere Gruppen Afghanen und Pakistanis). Hinzu kommt, dass nach schiitischer der theologisch nicht gebildete Gläubige in theologischen Fragen einem zur Abgabe von Rechtsgutachten qualifizierten Gelehrten (Ayatollah) folgen soll. Da in der schiitischen Welt heute die bedeutendsten dieser Gelehrten die Ayatollah Khamenei (Iran), Sistani (Irak) und Fadlallah (Libanon) sind, hat es zur Folge, dass jede örtliche schiitische Moscheegemeinde auf einen dieser Gelehrten ausgerichtet ist. 2.3.  Bundesweite Zusammenschlüsse Einige der vorgenannten Verbände haben bundesweite Räte gebildet: Die IGMG ist Mitglied des Islamrates, während IGD, VIGB, Albaner u.a. zum Zentralrat der Muslime gehören. Islamrat, Zentralrat, VIKZ und DITIB bilden den Koordinierungsrat der Muslime (KRM). 

 

      3. Veränderungen in den islamischen Strukturen

3.1.  Von der „Ausländerreligion“ zum Islam in Deutschland

Erst ab Mitte der neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts setzte sich gesamtgesellschaftlich langsam das Bewusstsein durch, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und die Migranten hier dauerhaft verbleiben werden. Diese waren bislang immer als Ausländer gesehen worden und nicht als Teil der Gesellschaft. Damit wurde auch erst jetzt die dauerhafte Existenz eines Islams in Deutschland als nach den beiden christlichen Kirchen drittgrößte Religion vollauf wahrgenommen.

Korrespondierend dazu begriffen nun auch erst viele Muslime – inzwischen in zweiter und dritter Generation nach der Gastarbeiter-Einwanderung – ihre hiesige Existenz als dauerhaft. Diese zunehmende Hinwendung nach Deutschland – auch deutlich in der steigenden Zahl von Einbürgerungen - bewirkte Veränderungen im Charakter des Gemeindelebens. Vielerorts wurde provisorische „Hinterhof-Moscheen“ durch zu Eigentum erworbene Gebäude ersetzt. Vor allem wurden nun von Staat und Gesellschaft Rechte eingefordert, welche die deutsche Rechtsordnung Religionsgemeinschaften zuerkennt und deren Gewährleistung für die dauerhafte gesellschaftliche Existenz eines islamischen religiösen Lebens als erforderlich erachtet wurde: Die Versorgung mit nach religiösen Regeln geschlachtetem Fleisch, islamischer Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an öffentlichen Schulen, die universitäre Ausbildung von islamischen Religionslehrern und das Bestattungswesen sowie schließlich die institutionellen Rechte islamischer religiöser Vereinigungen. 
 
 3.2.  Religionsgemeinschaften auf Landesebene
 
Das veränderte Bewusstsein, die neuen Anforderungen und eine nachlassende Bindung an die Herkunftsländer bewirkten bei vielen Muslimen den Wunsch nach neuen Strukturen. Die herkunftslandbezogenen Verbände erwiesen vor allem aufgrund ihrer jeweiligen Beschränkung auf bestimmte ethnische Gruppen als immer weniger geeignet, als eine repräsentative und anerkennungswürdige Interessenvertretung der Muslime in der deutschen Gesellschaft zu wirken. Neue Strukturen gingen jetzt von der Ebene einzelner Bundesländer aus. Hier erwies es sich als eher möglich, die teilweise doch recht unterschiedlichen – die Unterschiede ergeben sich nicht nur aus der ethnisch-sprachlichen Herkunft, sondern auch aus der Existenzdauer in Deutschland, sozialer Zusammensetzung, innerer Struktur, finanzieller Ausstattung u.a. – Moscheegemeinden an einen Tisch zu bringen. Im übrigen bringt es die föderale Staatsordnung in Deutschland mit sich, dass die meisten Fragen vom Religionsunterricht bis zum Bestattungswesen auf Länderebene zu regeln sind. 

Als erste Vereinigung auf Landesebene entstand 1997 die Islamische Religionsgemeinschaft Hessen e.V. (IRH). 1999 wurde in Hamburg SCHURA – Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg e.V. gegründet. 2002 folgte SCHURA  Landesverband der Muslime in Niedersachsen e.V. sowie 2006 SCHURA Islamische Religionsgemeinschaft Schleswig-Holstein e.V. und SCHURA Islamische Religionsgemeinschaft Bremen e.V. Charakteristisch für diese Landesverbände ist es, sämtliche in den jeweiligen Bundesländern bestehenden Moscheegemeinden unterschiedlicher Herkunft (Türken, Araber, Bosnier, Albaner, Iraner, Kurden, Pakistanis, Afrikaner u.a.) sowie Sunniten und Schiiten zu umfassen (ausgenommen sind in der Regel DITIB und VIKZ, wobei es aber auch Doppelmitgliedschaften einzelner Vereine gibt).

Damit haben sich in einzelnen Bundesländern islamische Religionsgemeinschaften gebildet, die als solche Staat und Gesellschaft gegenüber auftreten. Die vorstehend unter 2.1. genannten Organisationen sind hier, soweit ihre örtlichen Vereine Mitglieder sind, in der Bedeutung zurück getreten. 

 

    4. Gemeinschaften am Rande des Islam: Aleviten und Ahmadiyya

 Die Aleviten sind eine heterodoxe Glaubensgemeinschaft aus der Türkei. Die Glaubensinhalte und religiöse Praxis weisen sowohl schiitisch-mystische Elemente des Islam als auch naturreligiöse des vorislamisch-türkischen Schamanismus auf. Schriftlich fixierte Glaubensüberlieferungen existieren nicht. Historisch war der Alevitismus in die Struktur der anatolischen Dorfgemeinschaften seiner Verbreitungsgebiete eingebunden. 

Deshalb besteht heute unter alevitischen Migranten große Verunsicherung über die eigentliche Identität ihrer Gemeinschaft. Einige sehen den Alevitismus als Teil des Islam, andere als eigenständige Religionsgemeinschaft, manche sogar mehr als kulturelle denn als religiöse Gemeinschaft. Auch die alevitischen Verbände ergeben kein klares Bild.

Die Ahmadiyya ist eine Ende des 19. Jahrhunderts in Indien von Mirza Ghulam Ahmad mit dem Anspruch einer islamischen Erneuerung gegründete Gemeinschaft. Dabei nahm Mirza Ghulam Ahmad die Eigenschaft eines Propheten für sich in Anspruch, was im strikten Gegensatz zur islamischen Glaubenslehre steht, wonach der Prophet Muhammad (s.a.s.) der letzte der Propheten ist. Deshalb wird die Ahmadiyya-Gemeinschaft nicht als islamisch angesehen. Die Ahmadis dagegen betrachten sich als einzig wahre Muslime und andere Muslime dagegen als Ungläubige, mit denen soziale Kontakte von Eheschließungen, gemeinsame Gebete bis zur Teilnahme am Totengebet untersagt sind.

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